Der kalte Krieg und das Mädchen

96 Prozent für Russland: Katja, der Kosake und die Tränen (Foto: Heinz Stephan Tesarek)
96 Prozent für Russland: Katja, der Kosake und die Tränen (Foto: Heinz Stephan Tesarek)

Ihr Land, ihre eigene Familie, alle waren sie für Putin und den Anschluss der Krim. Katja, 17, ahnt hingegen, wohin das führt: in den Krieg. Das Porträt eines einsamen Mädchens.

Als Katja am vergangenen Montag aufwacht, ist das, was sie in der Nacht zuvor erlebt hat, verschwommen. Das Referendum, die Fahnen, das Geschrei, ihre Tränen, ihre Freude, ihr Schmerz. Sie mag nicht mehr daran denken. Die junge Frau mit den großen Augen und dem langen, lockigen dunklen Haar schaltet den Fernseher ein. Und sieht Panzer. Ukrainische Panzer, die auf Güterzügen stehen. Vorn dran die Lokomotive, bereit zur Abfahrt in den Krieg. Der Sprecher sagt etwas von Mobilmachung, erklärt, dass wohl bald der Ausnahmezustand verhängt werde. Dann haben Politiker aus Kiew das Wort. Sie versprechen, der russischen Aggression trotzen zu wollen. Wenn sie mit “allen Mitteln” sagen, versuchen sie, dabei glaubhaft und hart zu wirken. Schon geraten erneut die Panzer ins Bild und Katja dreht den Fernseher ab.

Ist es tatsächlich erst zwei Tage her, dass wir sie kennenlernten? Ein Mädchen, kurz vor seiner Matura, das am Strand seiner Heimatstadt spaziert. Sie ist 17, hat beste Noten, kennt Geschichte, liebt Literatur, interessiert sich für Politik, aber auch für Rockbands und Tricks zum Abnehmen. Sie ist ein Teenager wie so viele andere und doch ganz anders. Ein paar leere Wodkaflaschen liegen im feinen Sand. Hunde, die niemandem gehören, spielen damit. Katja streichelt die Hunde, freut sich, wenn sie sich auf den Rücken rollen und kraulen lassen. Buben haben oben, an einer verrosteten Wasserrutsche, ein Seil befestigt und schwingen sich wie Tarzan über den Strand. Katja schaut ihnen erst zu und hängt bald selbst im Seil. Es sind unbeschwerte Momente, ein paar Augenblicke, in dem der Wahnsinn, der alles erfasst hat, vergessen ist.

Alle sagen, es sei richtig. Außer Katja.

Wir sind in Tschornomorske, einem Städtchen am Meer, ganz im Westen der Krim. Es wirkt unwirklich, Katja zuzuhören. Die Sonne scheint und sie spricht vom Krieg. Von ihrer Angst, wie all das enden wird. Später, auf dem Weg zum Haus ihrer Großeltern, marschiert ein Verband von Kosaken an ihr vorbei. “Na Mädchen, du magst sicherlich ein Foto mit uns”, fragt einer der selbsternannten Kämpfer mit der schwarzen Fellmütze. Sie schüttelt ablehnend den Kopf, sieht weitere Uniformierte die Straße hochkommen. “Es sind lauter Russen,” sagt Katja, “das erkenne ich an ihrem Dialekt. Ich mag die Russen, aber hier bei uns haben die wirklich nichts verloren.” Mit “bei uns” meint Katja die Krim, die Ukraine. Wobei das dieser Tage nicht mehr so klar ist.

Überall hängen Plakate, die eine glorreiche Zukunft mit Russland anpreisen, einen Frühling in der alten Heimat, die man nur durch einen Irrtum der Geschichte und einen betrunkenen Herrn im Kreml verloren hat. Wem diese Logik noch nicht einleuchtet, der wird mit Hakenkreuzen und der drohenden Invasion der Faschisten aus Kiew bekehrt. Was für den Westen eine brutale Okkupation durch die Russen ist, fühlt sich hier für die meisten wie ein Segen der Geschichte an.
Wie kann etwas falsch sein, wenn es alle anderen für richtig halten? Das hat sich Katja zuletzt oft gefragt. Seit die ukrainischen TV-Kanäle, die Nachrichten senden, auf der Krim einfach abgedreht und durch russische ersetzt wurden, gibt es keinen Widerspruch mehr. Im Fernsehen, im Radio, auf den Straßen, überall werden die Segnungen Russlands angepriesen. Menschen gezeigt, die die Übernahme kaum noch erwarten können. Wer sich schon einmal fragte, wie wohl die Stimmung im Österreich des Jahres 1938 vor der Volksabstimmung über den Anschluss war, mag Parallelen ziehen.

Und mittendrin dieses Mädchen, das nun am Tisch der Großeltern sitzt. Es gibt Wurst, Käse, Kuchen, feinen Wein aus dem eigenen Garten. Der Großvater war Major der Roten Armee, diente der Sowjetunion von deren Westgrenze bis in die Weiten Sibiriens. Ein stolzer, freundlicher Mann, der seiner Enkelin lang zuhört.

„Für Putin ist das erst der Anfang“

“Das ist erst der Anfang”, sagt sie, “Putin wird sich nicht mit der Krim begnügen. Er wird weiter zündeln, auch im Osten der Ukraine Menschen finden, die er glaubt, beschützen zu müssen. Und dann, dann gibt es Krieg, Opa. Krieg, das weißt du doch besser als ich, bringt Leid und Tote.” Milde blickt der alte Mann auf seine Enkelin, kein einziges Mal an diesem Nachmittag wird er sie unterbrechen, gar tadeln oder maßregeln. “Weißt du Katja”, wird er später nur sagen, “ich habe 23 Jahre in dieser Ukraine gelebt, mit Gangstern und Verbrechern an deren Spitze. Kein Wort habe ich gesagt. Aber nun ist genug. Janukowitsch mag kein Guter gewesen sein, aber, was nach ihm kommt, ist es auch nicht. Wir müssen froh sein, dass wir Russland haben.” Katja rollt mit den Augen, argumentiert, dass sie doch alle, die hier am Tisch sitzen, die Oma, der Opa, die Mama, Ukrainer sind. Sie ihre Heimat nicht verkaufen können, bloß weil Russland mit besseren Löhnen und höheren Pensionen lockt. “Heute noch kann hier jeder seine Meinung sagen, ohne sich fürchten zu müssen. Das wird sich bald ändern. Für Putin sind wir nur ein Faustpfand, Teil eines größeren Planes zur Zerstörung der Ukraine, seht ihr das nicht”, wirft Katja, die wie alle auf der Krim Russisch spricht, ein. Und doch bleibt sie die einzige, die die Ukraine noch im Herzen trägt. “Es könnte alles gut sein”, sagt die Oma, “wäre nur dieser blöde Maidan nicht gewesen. Die ganzen Radikalen, die Bewaffneten, die sie im Westen ausgebildet und dann in Kiew unter Drogen gesetzt haben.”

So liebevoll alle mit Katja umgehen und so stolz sie auf dieses Mädchen sind, das Stipendien erhielt und unterschiedlichste Bewerbe gewann, so einsam fühlt sie sich in diesem Moment. “Aber Oma”, sagt sie, “du warst doch auch für den Maidan, wir haben doch alles gemeinsam im Fernsehen verfolgt.” Die Großmutter schweigt, geht lieber in die Küche und setzt Kaffee auf. Der Riss, so viel wird an diesem Nachmittag klar, geht mitten durch die Familie. Und plötzlich platzt einer rein, der auch zu ihr gehört, bislang aber nicht zur Sprache kam: Evgenij, der Bruder, betrunken. Er trägt Uniform, eine ukrainische, grölt, “za Rossiju”, für Russland, setzt der Schwester sein rotes Barett mit dem ukrainischen Staatsemblem auf und torkelt aus dem Zimmer. Betretenes Schweigen. Der Gäste aus dem Ausland wegen.
Am nächsten Tag in Katjas Schule. Es ist Sonntag, alte Sowjet-Schlager und neuer russischer Pop dröhnen aus dem Gebäude. Die Kosaken stehen davor Patrouille. Drinnen gibt es Süßes und eine einzige Wahl. Katjas Mutter hat soeben abgestimmt. Schnell, zügig und ohne zu zögern für Russland. Auch wenn das bedeutet, dass sie ihre eigene Tochter ans Ausland verliert, da Katja fest entschlossen ist, ab dem Herbst ein Studium zu beginnen, und zwar in Kiew.
Nun will sie nach Simferopol, in die Hauptstadt der Krim. Sie hat getan, was sie konnte. Freunde, Bekannte, ja selbst Fremde auf der Straße hat sie zu überzeugen versucht, nicht für Russland zu stimmen. Briefe schrieb sie, die sie ins Internet und auf Facebook stellte. Vergeblich. Als “Provokateurin”, “Agentin”, “kleines, dummes Ding”, haben sie sie beschimpft, als Mädchen, das sich in den Zug setzen und gefälligst in die Ukraine abhauen soll. Aber Katja sitzt im Bus nach Simferopol. Rumpelt über die Krim, vorbei an alten Sowjetdenkmälern und Heldenstatuen. Sie fährt durch arme Dörfer, deren Bewohner nur überleben, da sie hinter ihren Häusern Federvieh halten im Vorgarten Gemüse züchten. Diese Krim ist ein raues, ruppiges Land, das harte Menschen hervorgebracht hat. Menschen, die es nicht mögen, wenn selbst ernannte Helden in Kiew glauben, sie demütigen zu können, indem sie Russisch zur Hinterhofsprache degradieren.

Schließlich der Abend des Referendums. Ein unversehrter Lenin hält auf dem zentralen Platz Wache. Darunter, im Gänge-Labyrinth, lauern Einheiten der Sonderpolizei Berkut. Kerle mit Stiernacken und in Kampfausrüstung, die in Kiew für Janukowitsch schmutzige Handlangerdienste leisteten, wahllos prügelten. Als sie auf die Krim zurückkehrten, empfing man sie als Helden. Schon lange vor Ende des Referendums gleicht der Platz einem Fahnenmeer. Oben, auf der Bühne, russische Folklore, der Marinechor der Schwarzmeerflotte, der die Hymne intoniert. Und zwischen all den sich in einen nationalistischen Taumel schreienden Menschen: Katja. Still, allein, einsam. Sie wollte es mit eigenen Augen sehen. Deshalb kam sie her. Nun kann sie es nicht fassen. “Vielleicht irre ich mich. Vielleicht täusche ich mich”, sagt sie, “die Krim blüht auf, Putin gibt Ruhe und ich habe mich in etwas hineingesteigert. Ich würde es mir wünschen.”

Katja, der Kosake und die Tränen.

Doch nichts spricht dafür. Das Karussell des Wahnsinns dreht sich schneller. Was droht, ist ein Flächenbrand. Innerhalb der Ukraine tun sich Sollbruchstellen auf, wo noch vor drei Monaten keine waren. Aus Brudervölkern drohen Feinde zu werden. Russen und Ukrainer, die sich so ähnlich wie kaum zwei andere Völker Europas sind, beginnen einander zu hassen. Medien und Propaganda auf beiden Seiten erledigen den Rest. Während im Westen der Ukraine russische Produkte boykottiert werden, brennen im Osten des Landes die ersten ukrainischsprachigen Bücher. Ausschreitungen im Kohlerevier forderten schon Tote und der Schachspieler im Kreml wirft der Ukraine vor, die Lage im Land nicht mehr im Griff zu haben. Stürzt die Ukraine in den Abgrund, wird dieses Europa nie mehr dasselbe sein.

Es ist auch Katjas Europa. Der Kontinent, in dem sie ihre Zukunft sieht. Und deshalb geschieht etwas, das sie, dieses so rational denkende und handelnde Mädchen, nicht für möglich hielt: sie beginnt zu weinen. Sie schluchzt, hält sich die Hand vors Gesicht, während sich hinter ihr die Menschen vor Freude in die Arme fallen. Ein Kosake, der voll des Stolzes neben ihr steht, sieht die Tränen. Beugt sich zu dem zierlichen Mädchen hinab. Sagt, “was weinst du denn? Ab heute wird alles gut. Du brauchst dich nicht zu fürchten.” Er umarmt sie, drückt Katja wie ein Vater seine Tochter an sich und tröstet sie. Später löst sich Katja, will schleunigst weg von dem Ort, an dem alle nur noch “Russland, Russland” grölen. “Er war so nett zu mir”, sagt sie, immer noch in Tränen, “es ist so schrecklich, die Politiker hetzen uns gegeneinander auf. So lange, bis wir einander hassen.”

Erschienen in NEWS 12/2014