Rio, erste Reihe fußfrei

Vielleicht der schönste Ausblick der Welt. Wielend auf seiner Terrasse hoch über Rio (Foto: Ricardo Herrgott)
Vielleicht der schönste Ausblick der Welt. Wielend auf seiner Terrasse hoch über Rio (Foto: Ricardo Herrgott)

ZIMMER MIT AUSSICHT. Dieser Ausblick ist 500.000 Euro wert. Der Besitzer ist Österreicher. Er zahlte für das Grundstück nur 7.000, ging dafür aber durch die Hölle.

Andreas Wielend konnte den Revolver erahnen, den sein Besucher im Hosenbund eingeklemmt hielt. Er sah wohl auch das volle Magazin, das der Mann in der Tasche trug. Wielend, vom Typus her der lässige Surfer, ließ sich nicht irritieren. Der Österreicher und der Drogenboss. Zu zweit standen sie am Geländer von Wielends Terrasse und sprachen miteinander. Unweigerlich streifte ihr Blick auch das Wunder, das sich direkt vor ihren Augen ausbreitete: Rio de Janeiro, zweitgrößte Stadt Brasiliens, ein Märchen und ein Moloch zugleich. Schon in drei Wochen ist Rio einer der Austragungsorte der Fußball-WM. Im legendären Maracana-Stadion finden insgesamt sieben Spiele statt – einschließlich des allerwichtigsten: das Finale.

„Es gibt keine schönere Stadt auf Erden“, schrieb der nach Rio ausgewanderte österreichische Schriftsteller Stefan Zweig einmal. Und es gibt wohl keinen schöneren Punkt, diese Stadt zu betrachten als hoch oben von Andreas Wielends Terrasse. Ganz hinten zeichnen sich die Umrisse der Zuckerhutes ab. Davor, von den letzten Sonnenstrahlen fast in Gold getüncht, die Strände von Ipanema und Leblon, auf die rhythmisch die Wellen des Atlantiks branden. Dann, direkt an der Promenade, beginnen die Häuserschluchten, in denen die besten Appartements ab einer Million Euro aufwärts kosten. Und schließlich, als Vollendung, die vorgelagerten Inseln, das Meer und der Horizont. Es ist wie ein Gemälde. Etwas Einzigartiges, Faszinierendes, unfassbar Schönes, an dem man sich kaum sattsehen kann. Es ist ein Blick, der bezaubert, betört – aber auch verstört.

Von Frankenmarkt in die Favela.

Denn, wer von Wielends Terrasse nicht in die Ferne schaut, sondern gerade nach unten, der sieht – Armut. Tausende Hütten und Häuschen, die sich vom Meer bis hoch zu seiner Terrasse drängen. Favela nennt man eine solche Siedlung hier in Brasilien. Anderswo auf der Welt würde man wohl Slum oder Elendsquartier sagen. Abertausende Menschen, zusammengedrängt auf engstem Raum. Keine Kanalisation, keine Müllabfuhr, kein festes Stromnetz. Nichts von dem, was geordnetes Leben in einer Stadt ausmacht. Nur eine schmale, steile Straße, die sich zu Wielends Herberge hochschlängelt. Oder hunderte Stufen voll von Hundekot, dem es auszuweichen galt, wollte man eine Abkürzung nehmen.

So präsentierte sich das Viertel Vidigal, als Wielend es im Jahr 2009 für sich entdeckte. Frankenmarkt, seine Heimatgemeinde im oberösterreichischen Hausruckviertel, hatte der heute 36-Jährige da schon lange hinter sich gelassen. War von München, wo er für Siemens arbeitete, über Hawaii und Los Angeles in Brasilien gelandet. Er jobbte und surfte, ließ sich treiben, auf dem Brett genauso wie im Leben. So schnell wie seine Miete unten an der Copacabana stieg, sank die verbliebene Reserve auf seinem Konto. Und dann: das erste Mal Vidigal. Ein Erkundungstrip in eine der berüchtigten Favelas, gleich am Meer gelegen, neben den Vierteln der Reichen. Über 1.000 solcher Favelas soll es in der 7-Millionen-Metropole geben. An jedem Hang, an jedem Hügel, oft direkt gegenüber von Villen und Palästen. Und alle waren sie in der Hand von Drogenkartellen, Banden und deren Bossen. Kriminelle Netzwerke, die über die ganze Stadt wuchern, so wie die Favelas, deren Name sich nicht zufällig von einer sich nach oben rankenden Pflanze ableitet. „Unten, an der Abzweigung von der Hauptstraße, standen die Späher. Sie entschieden, wer reinkam und wer nicht“, erinnert sich Wielend, „dann hast du Leute gehabt, die auf der Straße mit Maschinengewehren herumgerannt sind. Sie waren die Handlanger der Bosse, die oben auf dem Hang wohnten und alles im Vidigal kontrollierten.“

Es war ein verbotener Ort, zu dem sich Wielend Zutritt verschaffte. Immer häufiger kam er her, sprach mit den Bewohnern, beherrschte Portugiesisch bald mehr als passabel und wurde zu deren Freund. Irgendwann erkannte er, das hier seine Zukunft liegen könnte. Und zwar ganz oben. Dort stand ein verwildertes Häuschen mit windschiefen Wänden, davor ein großer Baum, an dem die Drogenbosse ihre Opfer aufzuhängen pflegten, nachdem sie sie stundenlang gefoltert hatten. Raubten Wielend solche Geschichten noch nicht den Atem, dann der Ausblick, der sich ihm erstmals bot, als er hinter die Absperrung zum Haus kroch. Ein Blick für Götter, einzigartig und unbezahlbar. Für 7.000 Euro sollte es der von Wielend werden.

Auf der Terrasse mit dem Drogenboss.

Was folgte, war besagte Begegnung an der Balustrade. Der Drogenboss, der seinem neuen Nachbarn mit dem Revolver die Aufwartung machte. Sich versicherte, dass ihm der „Gringo“ nicht in die Quere kam. „Vollkommen verrückt war das damals, aber so war die Realität in Rio“, erinnert sich Wielend heute, „ich hab denen gesagt, dass ich hier ein kleines Hostel aufmachen möchte, vielleicht auch eine Bar. Und dann habe ich sie gefragt, ob sie das stören würde.“
Immer „low profile“ bleiben, das wurde zu Wielends Prämisse. Er ist ein schlauer Kerl, hat zuhause Elektriker gelernt, dann Telekommunikationstechnik in Salzburg studiert. Hier hingegen schleppte er die Zementsäcke selbst die Stiegen hoch, riss Wände nieder und zog neue hoch. Abends lag er ausgelaugt in seiner Hängematte. Noch verdiente er keinen einzigen Cent, die Ersparnisse waren aufgebraucht, selbst zum Surfen kam er kaum mehr. Was ihm blieb, war der Ausblick, die Lichter der Metropole. Er betrachtete im Mondschein das Schimmern des Meeres und hörte Schüsse. Immer wieder. Rio, das vergisst er nie, zählt zu den gefährlichsten Städten der Welt. Mehr als 4.000 Morde in einem Jahr, dazu Entführungen, Folter, volles Programm.

Und heute, drei Wochen vor Beginn der Fußball-WM? Jenem Großereignis, das aus Brasilien das Land der Zukunft machen soll. Ein Superlativ, das vom nächsten abgelöst wird. Wielend steht wieder auf der Terrasse. Er wirkt entspannt, blickt nach unten. „Brad Pitt und Angelina Jolie sollen sich hier nach einem Haus umsehen“, sagt er. Es ist ein Gerücht, aber allein dessen Existenz zeigt die Veränderung. „Auch Kayne West, der Rapper, war schon hier. Und von den Beckhams heißt es, dass sie Makler beauftragt haben, um ein Domizil für sie zu finden.“
Hier im Vidigal, im Viertel der Gewalt und des Gestanks? „Es ist unglaublich, was hier seit einem Jahr abgeht,“ meint Wielend und dreht sich um. Ja, sein Hostel gibt es noch, die Bar auch, den Ausblick sowieso. Aber der Preis, den Wielend dafür bezahlte, war hoch.

Gemeint sind nicht Dollar, Euro oder die Landeswährung Reais. Gemeint sind sein Ruf, seine Nerven, seine innere Ruhe. Denn sobald Wielend abends nicht mehr erschöpft und allein in seiner Hängematte lag, sondern Hunderte bei Partys auf seiner Terrasse tanzten, ließen die Neider nicht auf sich warten. Wielends „Alto Vidigal“ war zum angesagtesten Hotspot der Stadt geworden. Die Favela als besonderer Kick, den Ausblick gibt’s gratis dazu. Junge Grazien, die sich untertags an der Copacabana sonnten, zwängten sich nachts in High Heels auf die Rückbank von Motorrädern und ließen sich hoch zum „Austríaco“ chauffieren. Doch als der einmal auf Heimatbesuch war, wurde ihm Schreckliches aus Vidigal zugetragen. Die Polizei hätte sein Häuschen gestürmt, die Schlösser ausgetauscht, ein Verfahren gegen ihn eingeleitet. Wielend eilte zurück nach Rio, realisierte rasch, dass der Deutsche, der ihm einst das Haus für 7.000 Euro verkauft hatte, wohl glaubte, einen Fehler begangen zu haben.

Eskalation: Der Dealer und die Killer.

Denn spätestens als Militärhubschrauber über der Favela zu kreisen begannen und schwer bewaffnete Elite-Einheiten der Sonderpolizei in gepanzerten Wagen die steile Straße ins Vidigal hochfuhren, wurde klar, dass hier nichts mehr so bleiben würde, wie es einmal war. Rückeroberung, Befriedung – die Begriffe, die die Geschehnisse in Rios Favelas in den Jahren vor der WM beschreiben, sind ausschließlich militärischer Natur. Brasilien braucht keine von Mafia-Clans und Drogen-Bossen kontrollierte Elendsquartiere dort, wo die Welt den Fußball feiern soll.
Und Wielend, der mit dem besten Blick auf die Stadt, quasi erste Reihe fußfrei über Vidigal thront, sollte ausgebootet werden. Rasch war die Rede von Killern, die auf ihn angesetzt wurden. „Ich habe mich wie eine Ratte verkrochen, schon geglaubt, alles ist verloren, auch wenn ich der rechtmäßige Eigentümer bin. Aber, was zählt das schon, wenn die andere Seite mit Geld Ermittler gefügig machen kann?“

In einem in die Jahre gekommenen kleinen Fiat fährt er nun durch Rio, denkt an die Tage, als er nicht wusste, wie es weitergeht. „Klar, der Deutsche hat den Verkauf bereut. Gesehen, dass die Preise hier wahnsinnig nach oben klettern und gedacht, er kann seinen Fehler korrigieren.“ Aber Wielend wartete, hoffte, zahlte mit dem letzten Geld eine Anwältin – und gewann. Seine Rückkehr auf den Berg wurde zum Triumph, die Party zu Silvester die beste von allen.
Angebote, zu verkaufen, gab es seither einige. Das höchste, das Wielend ausschlug, lag bei 1,5 Millionen Reais, umgerechnet mehr als eine halbe Million Euro. Rundherum herrscht Goldgräberstimmung. Nebenan eröffnete gerade ein Fünf-Sterne-Hotel, gebaut vom Stararchitekten samt Swimmingpool. 400 Euro kostet dort das Zimmer pro Nacht. Direkt hinter ihm machte eine weitere Unterkunft auf, von der die betuchten Gäste durch Panorama-Fenster auf die Favela starren können. Bloß Wielend verlangt für den Schlafplatz im Bettenlager weiterhin nur 10 Euro. Unten, wo nun ständig Polizei patrouilliert, haben die Menschen hingegen einen Begriff gelernt, der ihnen gar nicht gefällt: Gentrifizierung. Gemeint ist die Aufwertung eines Viertels und die damit verbundene Verdrängung seiner ärmeren Bevölkerung.

„Ich frage mich, ob ich Teil davon sein will, oder selbst den nächsten Schritt setze“, sagt Wielend, während er auf Besuch wartet, der diese Entscheidung vorwegnehmen könnte. Es kommt Paolo Niemeyer, der Neffe des kürzlich verstorbenen Oscar Niemeyer. Der Onkel galt als Architektur-Legende von Weltrang, der das Brasilien der Moderne mitschuf. Und der Neffe, selbst gefragter Architekt, will bei Wielend einsteigen. Ihm helfen, die Vision eines energieneutralen Hauses umzusetzen. „Ich will keinen Palast, der sich abschottet“, sagt Wielend, „ich war schon hier, als es allen noch zu gefährlich war und ich werde hier bleiben, wenn andere längst weitergezogen sind.“
Nur an einem Tag, das weiß Wielend schon jetzt, wird er sicher nicht hier sein: dem 13. Juli, wenn drüben im Maracana das WM-Finale angepfiffen wird. „Zu viel Stress, zu viele Staus, vielleicht auch Gewalt, einfach das totale Chaos“, prophezeit der „Austríaco“. Und wo wird er verfolgen, wer Weltmeister wird? Wielend schmunzelt: „Dahoam in Frankenmarkt.“

Erschienen in NEWS 22/2014

Video Rio

   Hier das VIDEO zur Reportage aus Rio de Janeiro