Nur 30 Sekunden

Völlig aufgelöst kauert eine Frau am Straßenrand im Süden Israels. Die Sirene heult, Raketen schlagen ein. (Foto: Heinz S. Tesarek)
Völlig aufgelöst kauert eine Frau am Straßenrand im Süden Israels. Die Sirene heult, Raketen schlagen ein. (Foto: Heinz S. Tesarek)

IM RAKETENKRIEG. Eine Sirene schrillt. Ein Angriff folgt. Eine Frau bricht zusammen. Kinder wachsen in ständiger Angst auf. Der immer wiederkehrende Krieg hat die Israelis längst zu einem Volk von Traumarisierten gemacht.

Die Sonne steht bereits tief, als ein hellblauer VW Golf auf uns zurast. Wir parken am Rande einer Landstraße ganz im Süden von Israel. Die Warnblinkanlage ist an. Eine Sirene schrillt. Aus dem Autoradio ebenso wie aus weiter Ferne. 30 Sekunden, so haben wir hier rasch gelernt, bleiben einem, sobald sie ertönt, um sich in Deckung zu bringen. Man solle sich einfach auf die Straße knien, den Kopf zu Boden senken, die Hände schützend vor das Gesicht halten und abwarten. Abwarten, ob die Rakete, die soeben im wenige Kilometer entfernten Gazastreifen gezündet wurde, einschlägt. Auf einem, neben einem, vor einem oder, und das ist die wahrscheinlichere Variante, hoffentlich ganz woanders.

30 Sekunden – so viel Zeit ist vergangen, seit Sie diesen Text zu lesen begonnen haben. Die Sirene schrillt noch, als der Golf wenige Meter vor uns doch zum Stehen kommt. Die Wagentür geht auf, die Fahrerin, eine blonde Frau um die 40, fällt fast heraus. Sie zittert am ganzen Körper, taumelt, so als sei sie blind oder benommen, zum Straßengraben. Drückt sich gegen die Wand aus Kies und Steinen, hält ihr Mobiltelefon fest am Ohr und hört nicht auf zu zittern – die Arme, die Beine, der ganze Leib.

Plötzlich ein dumpfes Grollen, ein kurzes Beben der Erde: der Einschlag der Rakete, schwer zu sagen, wo genau. Die Frau schluchzt laut auf, sackt aber sofort wieder in sich zusammen. Minuten vergehen, das Zittern bleibt, jeglicher Versuch, sie anzusprechen, scheint vergeblich. Für eine Weile hören wir, wie aus dem Autoradio Musik erklingt. Doch das fröhliche Lied ist noch nicht einmal beim Refrain angelangt, als es vom Sirenenton jäh unterbrochen wird.

Alle 10 Minuten ein Raketenangriff.

So wie einander das Schrillen der Sirenen und die Songs von Rihanna und Beyoncé im Radio ablösen, so verhält es sich in Israel auch mit Krieg und Frieden. Länger als eine Woche zielen die radikalislamischen Kämpfer der Terrorgruppe Hamas, die Gaza seit 2007 kontrolliert, von dort mit ihren Raketen auf Israel (s. Karte). Über 1.000 dieser zum Teil selbst gebauten oder aus Libyen, Syrien und dem Iran eingeschmuggelten Geschosse stiegen in die Luft und lösen im Schnitt alle zehn Minuten irgendwo in Israel Alarm aus. Das Land, von der Fläche kaum größer als Niederösterreich, aber mit über acht Millionen Einwohnern einer der dichtest besiedelten Staaten der Welt, versinkt in kollektiver Angst und Panik. So wie schon so oft in den vergangenen Jahren.

Denn, so groß die Hoffnungen in einen Waffenstillstand auch sein mögen, so klar ist jedem Kenner der Region, dass es nur eine Frage der Zeit bleibt, bis ein kurzer Frieden erneut im wohl ungleichesten Krieg dieses Planeten endet. Auf der einen Seite, radikale Gotteskrieger, die eine bitterarme Bevölkerung in Geiselhaft halten und zu nicht enden wollendem Hass auf die Juden erziehen. Und auf der anderen, ein auf den ersten Blick modernes, hochgerüstetes Land, das trotz all seiner Kampfjets und Raketenabwehrbatterien schwächer und verletzlicher ist als die meisten annehmen.Ein Sanitäter und drei Soldaten knien nun neben der blonden Frau im Straßengraben. Versuchen, mit ihr zu sprechen, ihr gut zuzureden, um zu verhindern, dass nicht jede weitere Detonation sie näher an den Rand des Wahnsinns treibt.

„Als sie im Auto fuhr und die erste Sirene hörte, begannen ihre Arme und Beine so stark zu zittern, dass sie kaum noch lenken oder bremsen konnte“, erklärt der Sanitäter und wirkt nicht weiter verwundert: „Das haben wir hier sehr häufig, ein klassisches post-traumatisches Syndrom. Die Menschen hören die Sirene und unterbewusst verdichtet sich in diesem Moment die Erinnerung an all die anderen Male, als sie in der selben Situation waren: machtlos, hilflos, ja ahnungslos und ausgeliefert. Die Sirene, das ist das Signal zur Flucht. Doch wovor? Etwas, das man weder sieht, riecht noch spürt, das aber mit Gewissheit tötet.”

Eine Kindheit in Angst und Ohnmacht.

Die Folgen dieser Ohnmacht zeigen sich am nächsten Tag. Draußen hat es wohl weit über 30 Grad, keine Wolke trübt den Himmel, doch die Straßen sind verwaist, so als wäre im Fernsehen eine Ausgangssperre verkündet worden. Nichts von der Helligkeit des Sommertages dringt in ein mit Klimaanlagen heruntergekühltes Wohnzimmer. Zwei Mädchen sitzen auf der Couch, Liel und Liam, sechs und acht Jahre alt. Sie starren auf das TV-Gerät, verfolgen regungslos den Zeichentrickfilm, der läuft.

Vor ihnen, auf dem Tisch, liegt ein Smartphone, das alle paar Minuten piept. Was folgt, ist die immergleiche Szene: Mutter Eti kommt aus der Küche, blickt kurz auf das Telefon und legt das Gerät wieder zur Seite. „Heute scheint ein ruhiger Tag zu sein”, sagt sie, nachdem sich dieser Vorgang mehrmals wiederholt hat. Fragende Blicke. „Ganz einfach”, erklärt sie, „wegen der Mädchen haben wir die Sirene hier im Haus ausgeschaltet, da sie zu laut ist und die Mädls noch nervöser macht. Aber zum Glück gibt es eine App für’s Handy, die immer Bescheid gibt, wenn irgendwo im Land gerade Raketenalarm ausgegeben wird.” Die Mädchen nicken, wirken wie versteinert, wenn sie so auf das Display starren.

Und dann? Die 30 Sekunden? „Nein, nein,” antwortet Eti, „uns bleiben nur 15. Wir hier in der Stadt Sderot sind direkt an der Grenze zu Gaza, da brauchen die Raketen nicht so lange.” Es ist erschreckend, mit welcher Rationalität sie das Irrationale des Krieges erklärt. Wie nüchtern sie sagt, was jeden von uns in den Wahnsinn treiben würde. Sie streicht den Mädchen durchs Haar, tätschelt zärtlich deren Gesicht. „Klar ist es schlimm, dass sie nicht draußen spielen können, aber das wäre viel zu gefährlich, da die Zeit einfach zu kurz ist.”

Sderot ist die Frontstadt der Furcht, eine Verdichtung all dessen, was Israels Alltag zum Ausnahmezustand macht – und das nicht nur in Tagen wie diesen, sondern seit Jahren. Die Stadt am Rande der Negev-Wüste gleicht einer Wagenburg, einem Fort, einer verbarrikadierten Idee. Überall sind Luftschutzbunker, egal ob am Spielplatz, in der Schule, oder im Supermarkt. Selbst die Bushaltestellen sind aus massivem Beton, sodass Autofahrer sofort anhalten können, sobald die Sirenen losheulen und es binnen 15 Sekunden schaffen, Zuflucht zu finden.

Ein Stahlrohr, Splitter und Sprengstoff.

Seit 13 Jahren liegt die Stadt unter Beschuss der Islamisten. Es sind rostige Stahlrohre, gefüllt mit Sprengstoff und Splittern, in Hinterhöfen händisch zusammengebaut, welche so zu Raketen werden. Mehr als 10.000 Stück fielen auf Sderot. Dass dabei in all den Jahren weniger als 20 Menschen starben, ist dem Warnsystem und der neuen Raketenabwehr zu verdanken. Doch Freiheit, ein Gefühl von Sicherheit, ja gar eine Chance auf Unbeschwertheit, all das vermag den 25.000 Einwohnern der Stadt selbst die modernste Technik nicht zu liefern. Und der Staat Israel, der Milliarden investiert, um das Gegenteil zu beweisen, martialisch Mal für Mal gegen die Hamas vorgeht und sich mit hunderten zivilen Opfern die Ächtung durch den Rest der Welt einhandelt, bleibt am Ende doch machtlos.

15 Sekunden. Als das Smartphone erneut piept, gilt der Alarm Sderot. Routiniert nimmt Mutter Eti ihre Kleinste auf den Arm, die ältere Schwester und der 20-jährige Bruder trotten wie ferngesteuert hinterher. Es sind bloß ein paar Schritte, die sie zurückzulegen haben. Hinein in einen Raum ohne Fenster, dafür mit 30 Zentimeter dicken Wänden aus Beton. Es ist ein Bunker mitten im Haus, der in Israel bei jedem Neubau gesetzlich vorgeschrieben ist. Mitten im Raum steht ein weißes Bett mit Seidendecke. „Oft”, sagt Eti, „haben wir mehrmals in der Nacht Alarm, da ist es besser, wenn ich mit den Mädls gleich hier schlafe.”

Den oberen Stock ihres Hauses nützt die Familie längst nicht mehr, da der Weg über die Stiegen hinunter gerade nachts nicht in 15 Sekunden zu schaffen wäre. Und so verbringen sie ihre Tage und Nächte zusammengekauert auf engstem Raum im Wohnzimmer.

Und wegziehen? Eti zieht eine Grimasse, die Schmunzeln und Staunen vereint. „Wohin denn? Mittlerweile reichen die Hamas-Raketen doch schon bis Tel Aviv. Ziehen wir weg, rücken sie nach, so lange bis uns kein Flecken Land mehr bleibt.” Eti kennt die grausamen Bilder aus dem Gaza-streifen, die verletzte und tote Kinder zeigen. Es sind die Opfer des israelischen Militärs, die bei Angriffen ums Leben kamen. „Ich bin selbst Mutter von vier Kindern und mir tun die Menschen dort leid. Aber während unsere Regierung versucht, uns vor Angriffen zu schützen, schickt die Hamas ihre Bewohner gerade dann als Schutzschilder auf die Dächer.”
Beim Gedanken an Frieden ist Eti nicht einmal mehr zum Schmunzeln zumute. „Das ist so ein ferner Traum. Ich kann mir nicht vorstellen, wie so ein Leben aussehen würde.” Sie zitiert Israels einstige Premierministerin Golda Meir, die sagte: „Frieden wird es erst geben, wenn die Araber ihre Kinder mehr lieben, als sie uns hassen.”

Erschienen in NEWS 29/2014