Ein Sommer mit Putin

Russinnen im Putini auf der Krim (Foto: Heinz S. Tesarek)
Russinnen im Putini auf der Krim (Foto: Heinz S. Tesarek)

Fünf Monate nach dem Anschluss wird Putin auf der Krim als Held gefeiert. NEWS gelangte als einziges Medium ins Sommercamp der Kreml-Jugend und traf dort auf Führerkult und verhärtete Fronten.

Vom Meer weht warmer Wind, als plötzlich zwei junge Frauen in der einsetzenden Dämmerung auftauchen. Sie kommen vom Strand. Tragen langes, dunkles Haar – und sein Konterfei auf ihren Bikini-Oberteilen: Wladimir Wladimirowitsch Putin. Russlands Präsident, zuletzt im Westen als Paria, Outlaw und gefährlicher Zündler dargestellt, ziert hier, quasi als „Putini“, die Brust junger Russinnen.

Unser Held, eure Propaganda.

„Er ist unser Held“, sagt Anastasia unbekümmert, „der beste und weiseste Präsident, den sich ein Land nur wünschen kann.“ Anastasia und ihre Freundin Margarita kommen aus Moskau und verbringen hier, auf der nun wieder russischen Krim, einen Sommer der besonderen Art. Als ihr heutiges Idol im Jahr 2000 erstmals in den Kreml einzog, waren sie noch Kinder. Nun sind sie 19 und 20 und überbieten sich in der Nennung von Superlativen für den Herrscher. Jeder Versuch, Vernunft und Realitätssinn in ihre Betrachtungen zu bringen, kontern die Frauen routiniert mit einem Vorwurf, den wir noch häufig hören werden: „Das ist eure westliche Propaganda. Ihr seid nur gegen ihn, weil er so stark ist.“

 

Wir sind angelangt, mitten in Putins größtem Fanklub. In einem Sommerlager im Westen der Krim, das seiner Huldigung und Russlands zukünftiger Größe dienen soll.

Es ist der erste russische Sommer auf der Krim. Fünf Monate sind seit dem Referendum und der darauffolgenden völkerrechtswidrigen Annexion der Halbinsel durch Moskau vergangen. Russen, die nun ihre Rückeroberung bestaunen wollen, bleiben nur zwei Möglichkeiten, um herzukommen: Die eine ist beschwerlich, die andere unverschämt teuer. Fähre oder Flugzeug, denn der Landweg im Osten der Ukraine ist durch den Krieg versperrt. Also heißt es, entweder Stunden, wenn nicht gar Tage, auf staubigen Landstraßen im Stau stehen, um dann mit einer kleinen Fähre die fünf Kilometer breite Meerenge vom russischen Festland zu überqueren. Oder eines der Tickets für Flüge in die Inselhauptstadt Simferopol zu ergattern.

Der Kreml jedenfalls hat die Zeit, die seit dem „Anschluss“ der Krim vergangen ist, zur Vorbereitung einer Machtdemonstration sondergleichen genützt. An einem der schönsten Strände der Halbinsel wurde ein riesiges Areal für über 2.000 Auserwählte eingezäunt. Der Sponsor: die „Allrussische Volksfront”, eine Vorfeld-Organistion von Putin, die in Zukunft gar die Staatspartei „Einiges Russland” ersetzen könnte. Das, was hier geschieht, bloß als Ferienlager zu bezeichnen, käme einer Verkennung der Tatsachen gleich. Dort, wo wir später auf die Strandschönheiten in ihren „Putinis“ treffen werden, wird an Russlands Zukunft gearbeitet – eine Zukunft unter Putin und abgewandt vom Westen, ausgerichtet auf Asien und die eigene einstige Größe.

Noch trennt uns aber ein Zaun von dem Lager. Bullige Männer in schwarzen Tarnuniformen patrouillieren dahinter. Winken nur jene durch, die Badges in Russlands Nationalfarben um den Hals baumeln haben.

Weiter oben, auf einem Hang, ist in Riesenlettern „Za Rossiju“ angebracht. „Für Russland“ heißt das und wird nachts fast schon wie der „Hollywood“-Schriftzug angestrahlt. Ein junger Mann taucht auf. Putins Porträt prangt auf seinem weißen T-Shirt. Er bittet uns, als einzige westliche Reporter, auf die andere Seite des Zauns. „Willkommen in Tavrida“, sagt er auf Deutsch, „leider beherrsche ich eure Sprache nicht so gut wie unser Präsident.“

Er stellt sich als Sergej Pospelov vor, ist ein enger Vertrauter des Kreml-Chefs und Putins Mann für die Jugend. Pospelov hat „Tavrida“, dieses zehntägige Lager auf der Krim, aus dem Boden gestampft.

In Putins Indoktrinierungscamp.

Unter unzähligen russischen Fahnen tauchen bald Hunderte Zelte, Duschen, Feldküchen und eine riesige Bühne direkt am Sandstrand auf. Der weitere Weg führt vorbei an 85 Schautafeln – je eine für jede Region Russlands. Ganz am Anfang stehen die zwei Neuankömmlinge im russischen Reich: die Krim und die Stadt Sewastopol. „Hätte Wladimir Wladimirowitsch nicht so bedacht gehandelt, wäre hier wohl bald eine Basis der NATO“, sagt Pospelov kühl.

So aber haben die fünf Monate seit dem umstrittenen Krim-Referendum alles verändert. Nicht nur auf der Halbinsel, sondern auf dem gesamten Kontinent. Was hier im März begann, hat zu einem klaren Riss quer durch Europa geführt. Sanktionen und Gegensanktionen, Boykotte und der Austausch immer härter formulierter diplomatischer Depeschen. Exakt 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs beginnen Beobachter, erste bedrohliche Parallelen zu ziehen.

Und nun stehen wir hier mit Putins Mann für die Jugend, der sagt, „dass die Krim zu einem Vorzeigestück des neuen Russlands wird.“ Ein Russland, das drauf und dran ist, dem Westen den Rücken zu kehren.

Die Meinungsfreiheit auf der Krim ist schon verschwunden, mit ihr die Vielfalt der Medien und das Gefühl, in einem vergleichsweise liberalen Land zu leben. Weg ist auch das, was an zweifelhafteren Insignien des Westens noch übrig war: Die McDonald’s- Filialen auf der Insel schlossen ebenso wie internationale Tankstellenketten oder globale Mode-Labels. Dafür lässt sich nun an jeder Ecke ein Accessoire erwerben, das selbst exquisiteste Boutiquen im Ausland nicht auf Lager haben: Putin-T-Shirts. Immer wieder gehen im Camp Menschen an uns vorbei, die eines tragen.

Sie zeigen den Kreml-Herrscher etwa fest im Sattel sitzend, durch die Weiten Russlands reitend. „Uns holt keiner ein”, lautet der dazu passende Spruch auf dem Leibchen. Hier auf der Krim nimmt der Führerkult längst bizarre Formen an. „Der höflichste aller Menschen”, steht auf einem Shirt, das Putin ganz bescheiden in Seemannsuniform zeigt. „Das geht besonders gut”, sagt die Verkäuferin im Fan-Shop des Lagers, während sie es dem nächsten Kunden zur Anprobe reicht. „Und hier seht ihr die Aufschrift ,Der Muschik sagte. Der Muschik handelte.’ Das spricht uns allen aus dem Herzen.” „Muschik” – in Russland nennt man so einen ganzen Kerl, einen echten Mann, Putin eben. „Ich kriege Gänsehaut, wenn ich nur von ihm spreche”, sagt die Verkäuferin und zittert tatsächlich ein wenig, als sie das nächste Paket voll frischer Putin-Shirts aus Moskau aufreißt.

Die Begeisterung für Putins „Heimholung” der Krim nimmt Züge einer Massenhysterie an. 87 Prozent der Russen unterstützen laut unabhängigen Umfragen seinen Kurs. Wer ihnen mit dem Völkerrecht kontert, hat schon verloren: „Das galt für die Amerikaner doch auch nie. Was war im Kosovo? Im Irak?“ Wie einstudiert erfolgt die immergleiche Replik, egal, ob hier, unter den Huldigern im Lager, oder draußen, bei den neuen Russen auf der Krim.

Der Ukraine, dem Land, das für 23 Jahre ihre Heimat war, weint dort keiner nach. „Faschisten, rechtsradikale Kiewer-Junta, Mörder unserer Brüder und Schwestern im Osten” – es sind die sich ständig wiederholenden Antworten,vorgekaut in allen Medien, vom Frühstücksfernsehen bis in die Abendnachrichten. Widerspruch, gar Widerstand, dafür scheint die Zeit vorbei zu sein. Wer das anders sieht, hat die Krim längst hinter sich gelassen oder schweigt im Stillen, und das aus gutem Grund.

Justin Bieber vs. Wladimir Putin.

Als der „Erlöser der Krim“, wie ihn eine Regionalzeitung nannte, vergangene Woche selbst die Halbinsel besucht, herrscht völliger Ausnahmezustand. An jeder Kreuzung, unter jeder Brücke, hinter jedem Telefonmast steht Miliz, wartend, dass der nicht enden wollende Konvoi des Präsidenten passiert. Und wenn die jungen Mädchen im Lager Putin auf der Video-Leinwand erspähen, kreischen sie, so als sei er Russlands Antwort auf Justin Bieber.

Was sich Putin von der Jugend seines Landes erwartet, wird im Camp rasch klar. Jeder Tag beginnt und endet dort mit der Staatshymne, dazwischen gibt es Vorträge, patriotische Konzerte und körperliche Ertüchtigung. „Zu lange war Russland schwach”, sagt sein Mastermind Pospelov, „und musste Provokationen aus dem Ausland erdulden, doch diese Zeiten sind vorbei. Vorige Woche glaubte etwa Obama, sich lustig machen zu können, als er sagte, Putin sei derzeit wohl der einzige Tourist auf der Krim. Das hier ist unsere Antwort.” Er zeigt auf ein am Zaun befestigtes rotes Banner, an dessen Ende die Karikatur eines dümmlich dreinblickenden US-Präsidenten zu sehen ist, dann der Schriftzug: „Wir sind zu Hause. Der Tourist hier bist du, Barack!”

Bald vergrößert sich die Zahl der Putin- Huldiger um uns. Auch die „Putini“-Trägerinnen tauchen auf. Sie stellen sich als Chefinnen der „Russischen Vereinigung junger Frauen“ vor und erklären gewissenhaft, auch im Bikini dafür zu kämpfen, dass hübsche Mädchen nicht als dumme Dinger verunglimpft werden und sie die Bevormundung durch den Westen satt hätten. Sie winken weitere Freundinnen herbei, die allesamt Putins Konterfei am Leib tragen. Eines davon fällt ein wenig aus dem Rahmen. Es zeigt den russischen Bären, wie er gelassen an einer Gaspipeline lehnt. „Wir warten auf eure Sanktionen”, lautet die unmissverständliche Botschaft dazu.

„Ein paar Putin-Leibchen für Wien.“

„Nehmt doch ein paar der Leibchen mit nach Österreich”, meint auf einmal eine attraktive Dunkelhaarige süffisant, „eure Unternehmer haben doch erst kürzlich unseren Präsidenten in Wien mit Standing Ovations begrüßt, nicht wahr? Vielleicht wollen sie eines der Shirts.” Sie stellt sich als Irina Volodchenko vor, ist Stabschefin in der Duma und für Projekte zuständig, die die Popularität ihres Herrschers weiter nach oben treiben sollen. Eines ist eine Handyhülle – Putin als Nikolaus II., Russlands letzter Zar.

„Russland ist das beste Land der Welt”, tönt es bald von der Bühne und Fahnen flattern im Wind. Die russische Gemütslage, ständig schwankend zwischen Minderwertigkeitsgefühlen und Größenwahn, schlägt eindeutig um. Es ist vollkommen klar, dass die Dämonisierung Putins im Westen seiner Popularität daheim nur zuträglich ist. „Er soll Präsident bleiben, solange er will”, sagt Irina Volodchenko schließlich, „denn die Russen werden ihn immer wollen.“ Dafür sorgen Putins Pioniere schon.

Erschienen in NEWS 34/2014

 

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