Das Dorf der vergessenen Österreicher

Jesus, Maria und Hansi Hinterseer. Elisabeth in ihrer Stube in Königsfeld (Foto: Ricardo Herrgott)
Jesus, Maria und Hansi Hinterseer. Elisabeth in ihrer Stube in Königsfeld (Foto: Ricardo Herrgott)

Verlassen, verarmt, vergessen. Im hintersten Winkel der Ukraine leben einst ausgesiedelte Österreicher. Eine Reise zurück in der Zeit.

„Jo hobts aufa gfundn zu uns do? So schwar is jo ned, gibt jo eh nur a Strossn.“ Auf einmal steht er vor uns. Ein Mann mit Military-Kappe auf dem Kopf, in einem schon etwas abgewetzten, blauen Pullover. Sobald er lacht, und das tut er oft, kommen ein paar vergoldete Zähne zum Vorschein. „Grieß eich, i bin da Pedal. Sche, dass do sads.“ Es ist eine Begegnung der besonderen Art. Ein Landsmann? Hier tief in den Waldkarpaten, einem der entlegensten Winkel der Ukraine?

Gut, es hieß, hier sollen noch Österreicher leben. Deswegen kamen wir her und rätselten doch die ganze Fahrt lang, ob wir unsere vergessenen Landsleute überhaupt noch verstehen würden. Und dann sagt Peter doch tatsächlich zu mir: „Ah, du bist leicht a a Oberösterreicher? Na, oba wisst echo, die echten Oberösterreicher san wir do heroben.“

„So is des hoit bei uns in da Ukraine.“

Rechts bricht sich ein Gebirgsbach seinen Weg ins Tal. Links wachsen Buchenwälder bis hinauf auf über 1.000 Meter. „Ust-Tschorna“ steht in kyrillischen Lettern auf dem Ortsschild, und gleich daneben, viel vertrauter, „Herzlich Willkommen in Königsfeld.“ 50 Kilometer liegen seit der letzten Abzweigung hinter uns. 50 Kilometer und drei Stunden Fahrzeit, da der Weg hinter jeder Biegung schlechter und die Schlaglöcher darin tiefer wurden. „Jo, des is des End der Wöid do. De Stroßn miassen’s amoi richten. Oba so is des hoit bei uns in da Ukraine“, meint Peter lapidar.

Königsfeld, das sind kleine, geduckte Bauten, in fröhlichen Farben gestrichen. Rauch dringt aus den Schornsteinen, Hunde laufen auf der Straße umher. Die immer steinigere Piste öffnet sich vor der Kirche zu einem Platz. Dort stehen ein paar Holztische, vor denen Vegetarier möglichst Abstand halten sollten. Denn aus den Bottichen lugen ganze Schweinsschädel, Herzen, Hirne und Nieren hervor.

Hier sind wir also, 600 Kilometer östlich der österreichischen Staatsgrenze und doch phonetisch gerade einmal gefühlt irgendwo hinter Linz. Wir halten vor einem Haus, das einen ersten Hinweis auf die Herkunft der hier lebenden Menschen gibt. „Bad Hall“ steht über dem Eingang und dahinter arbeitet Lena, die Greißlerin. Mit einer Waage, die so aussieht, als ob Kinder damit Kaufmannsladen spielen, wiegt sie Äpfel und Paradeiser ab. Kommen gerade keine Kunden, was die meiste Zeit des Tages der Fall ist, liest sie in einem alten Gebetbuch, das in Frakturschrift gedruckt ist. „Des hob i nu vo meina Mutta“, sagt sie, und es klingt surreal.

Seit Monaten hören wir tagtäglich Nachrichten aus der Ukraine. Sehen, wie dort Separatisten gerade Polizeiposten stürmen, russische Fahnen hissen und Panzer auffahren. Ein Land, das knapp davor steht, in einem blutigen Bürgerkrieg zu versinken. Aber, dass hier Menschen leben, die unsere Mundart sprechen, davon haben wir noch nie gehört.

Auf vier Schiffen in die Fremde.

Auf der Straße donnern schwere Laster, voll beladen mit Baumstämmen, vorbei. Das Holz, das sie ins Tal schaffen, war der Grund, der die Österreicher vor langer Zeit herbrachte.

Man schrieb den 3. Oktober des Jahres 1775, am Wiener Hof herrschte Maria Theresia, als im oberösterreichischen Salzkammergut ein erstes Boot auf Geheiß der Kaiserin ablegte. Darauf befanden sich gut 100 teils ledige, teils verheiratete Holzknechte, ein Schuster, ein Schneider, ein Schmied, ein Müller und drei Schreiber. Mitsamt ihren Familien waren es wohl 220 Menschen, die dann auf vier Schiffen ab Gmunden erst die Traun und bald donauabwärts in die Fremde fuhren.

Nach zehn Tagen erreichten die Angeworbenen das ungarische Pest, von wo es mit Pferdewagen weiter in den Osten ging. Dort, im letzten Winkel des damaligen Kaiserreichs, kam der Tross am 9. November 1775 an. Was die Siedler aus dem „Landl“, wie das Alpenvorland damals hieß, zu sehen bekamen, muss ihnen tiefste Ehrfurcht abgerungen haben. Denn außer ein paar Hütten entlang eines Baches, den sie zu Ehren ihrer Kaiserin sogleich Theresa tauften, war bloß üppiger, dichter Urwald voller Bären und Wölfe.

In den Hütten hausten Ruthenen, die heutigen Ukrainer. Sie jagten in den Wäldern, von Holzabbau und Salzgewinnung aber hatten sie keinerlei Ahnung. Deswegen waren die Siedler aus dem Salzkammergut angeworben worden. Sie sollten die Gegend urbar machen und den Reichtum am fernen Wiener Hof mehren. Doch die Eroberung der Wildnis hätte beinahe schon in den ersten Wochen in einer Katastrophe geendet. Die Neuankömmlinge hatten zwar sofort mit dem Bäumefällen für ihre Häuser begonnen, wurden aber vom rasch hereinbrechenden Winter überrascht, der viele von ihnen dahinraffte. Was folgen sollte, gleicht bis heute einer Geschichte der Entbehrungen und des Verzichts, aber auch des Zusammenhalts und der Hoffnung.

Wir sitzen in einer warmen Stube. Aus dem alten Ofen, Marke „Tirolia“, lodert Feuer. An der Wand hängen die Bilder des Heilands und der Heiligen Maria, während im Fernsehen der durchaus weltliche Hansi Hinterseer singt. „Mei, i hab ehrm so gern“, sagt Elisabeth, die in der Schürze und mit Kopftuch auf dem Bett hockt. Sie ist 81, und wenn sie aus ihrem Leben erzählt, schildert sie die Geschichte des Theresientals. „Leicht hamma’s do nie hobt, oba beschwert gamma uns a nie.“

Karte Theresiental

Als sie 1933 zur Welt kam, war die k.uk.-Monarchie Geschichte und das Tal Teil der jungen Tschechoslowakei. Bald fiel es an Ungarn. Dann kam der Krieg und mit ihm „da Russ, der mi zwunga hat, in da Schui Ukrainisch zu lerna.“ Elisabeth kramt nach alten Fotos, die ein hübsches junges Mädchen in einem Dorf voller Deutschsprachiger zeigen. „Vom Krieg gamma nix mitkriegt, oba auf amoi hot’s ghaßa, wir müsse weg vo do.“

Von Stalin nach Sibirien verfrachtet.

Was folgte, war 1944 die Flucht vor der vordringenden Roten Armee und die erzwungene Aussiedlung ins Deutsche Reich.1948, als von diesem nur noch ausgebombte Städte übrig waren, kam es zur nicht ganz freiwilligen Rückkehr ins Tal. „Hätte ma gewusst, was kommt, warma ned ganga.“

Auch Stalin hatte keine Freude mit den „Deutschen“, wie man sie nun nannte, und verfrachtete etliche gleich weiter nach Sibirien. Die, die bleiben konnten, erduldeten den Kommunismus, der ihnen ihre Äcker und Höfe nahm und das Leben im streng gläubigen Königsfeld veränderte. „I hob denen oba gsogt, am Werktag g’hör i eich, oba am Sonntag, da g’hör i nur im Herrn.“

Valentin, Elisabeths Sohn, selbst Vater von acht Kindern und Deutschlehrer an der Schule, kommt ins Zimmer. Er erinnert sich, wie das Tal ab den 70er-Jahren allmählich ukrainisch wurde. Erste Verträge ermöglichten ganzen Familien die Ausreise, wer konnte, ging. Wer hingegen blieb, bereute dies bald. „Denn der Russ, hot ma g’sogt, der geht nimmt Furt“, so Valentin. Dass Wladimir Putin, der Zar im Kreml, nun erneut nach der Ukraine greift, überrascht daher im Dorf niemanden. Wenngleich sich auch die Sympathie für die Herrscher im fernen Kiew in Grenzen hält.

„Wer immer dort Präsident war, hat geraubt, was gegangen ist“, sagt Franz, der im Unterschied zu den anderen Hochdeutsch spricht. Er ist 77, seine Gesichtszüge und das volle Haar verliehen ihm die Aura eines gealterten Hollywood-Stars vom Typ Clint Eastwood. „Im Kommunismus haben wir alle Geld gehabt, konnten uns aber nichts kaufen. Heute kriegst du alles, dafür hat keiner Geld“, sagt er, der als junger Mann in den Kohlengruben von Donezk im Osten der Ukraine schuftete und dem trotzdem nur 110 Euro Pension bleiben. „Jder hier hat Hendln und Schweindln im Stall, sonst wären wir alle schon lange verhungert.“

Franz führt uns in die Werkstatt, wo sein ganz Stolz geparkt ist: ein gelber Lada, 26 Jahre alt und so blitzblank wie am ersten Tag. „Wisst’s“, sagt er, „hier hat sich viel verändert. Wir Deutschen sind immer weniger geworden und die Russen mehr. Unsereins hat, als er jung war, zwar auch am Samstag gern mal was getrunken und ein Rauscheel gehabt. Aber der Russ, der will den Rausch jeden Tag.“ Und so scheint es, dass im Laufe der Jahrhunderte eine gewisse Kontinuität erhalten geblieben ist. Denn schon in den Briefen, die die ersten Aussiedler heim ins Salzkammergut schickten, war von der „Neigung der Ruthenen zum Alkohol“ die Rede.

Wenn nur noch Armin Wolf Heimat ist.

Lehrer Valentin nimmt uns mit in die Schule, wo die Kinder artig aufspringen, sobald er die Klasse betritt. Sie alle hier lernen Deutsch, aber zuhause wird bei den meisten längst nur noch Ukrainisch gesprochen. Letztlich sind es wohl gerade einmal 30 verbliebene Familien, auf die die Bezeichnung „Alt-Österreicher“ zutrifft.

„Dass wir aus dem Salzkammergut abstammen, erfuhren wir selbst erst nach dem Ende der Sowjetunion“, erzählt Valentin, „wir nannten uns zuvor Deutsche oder Schwaben, bis Historiker ins Tal kamen und unsere Geschichte ergründeten.“ Seither kümmert sicher die oberösterreichische „Landlerhilfe“ um die Vergessenen, schnürt Hilfspakete, schickt Zivildiener und organisiert Ferienaufenthalte im „Hoamatland“ für die Kinder aus Königsfeld.

Sonst ist die Verbindung nach Österreich jedoch fast abgerissen. Jene, die Satellit haben, freuen sich schon, wenn Armin Wolf am Ende jeder ZiB2 den „Zuschauern auf 3sat liebe Grüße aus Wien“ sendet. Und manche, wie Franz, hoffen, der Abgeschiedenheit des Tals, die erst das Überleben ihrer Mundart über die Jahrhunderte ermöglichte, noch einmal zu entkommen. „Ein letztes Mal Österreich sehen, das wär‘ mein Traum.“

„Passts auf eich auf“, sagt Peter zum Abschied, „uns sogt’s denen dahoam, dass ned gonz auf uns do herobn vergessn solln.“

Erschienen in NEWS 16/2014