Putin ist ein Kriegsverbrecher

Inna Schewtschenko in Wien (Foto: Heinz S. Tesarek)
Inna Schewtschenko in Wien (Foto: Heinz S. Tesarek)

Von der „Nacktivistin“ zur Putin-Feindin. Ihre ukrainische Heimat, ein Mafia-Stat. Putin, ein Imperialist. Und der eigene Busen immer noch Waffe. NEWS traf FEMEN-Ikone Inna Schewtschenko

Das zweite Leben der Inna Schewtschenko begann, als sie aus dem Fenster sprang. Der ukrainische Geheimdienst versuchte da gerade, ihre Wohnungstür aufzubrechen. Sie festzunehmen und einzusperren. Denn der hüllenlose Protest der jungen Frauen von „Femen“ hatte zwar deren Bilder um die Welt gehen lassen. Im eigenen Land waren sie mit ihrer „Oben ohne“-Kritik an Ausbeutung und Unterdrückung aber zu Staatsfeindinnen geworden.

„Bereit, um vor den Russen zu fliehen.“

„Wie harmlos das doch damals alles schien“, sagt Inna Schewtschenko heute, zwei Jahre später. Wiktor Janukowitsch war noch Präsident der Ukraine und die Mädchen die ersten, die ihn als Diktator an den Pranger stellten. Halbnackt liefen sie durch Kiew, schrien, brüllten und hielten dabei immer ihre Brüste in die Welt und vor allem in die Kameras. „Wenn das Feminismus ist, dann gefällt er mir“, dachte sich wohl mancher Mann, heimlich schmunzelnd. Doch etliche Verfahren, Inhaftierungen und hohe Geldstrafen zeigten schon damals, dass der „Nacktivismus“ für die jungen Frauen keineswegs ohne Folgen blieb.
Heute hingegen ist nichts mehr so, wie es einmal war. Inna Schewtschenko floh nach Frankreich, bekam dort politisches Asyl und gründete so etwas wie FEMEN international. Doch darüber spricht Inna kaum, an diesem regnerischen Tag, hoch über den Dächern von Wien.
„In meiner Heimat herrscht Krieg“, sagt die 24-Jährige beim NEWS-Exklusivinterview, „und die ganze Welt schaut einfach zu.“ In den folgenden Stunden wird sie Tabus brechen, Wahrheiten aussprechen und Dinge sagen, die im politisch korrekten Westeuropa wohl mitunter gedacht, sicherlich aber selten genannt werden.
„Meine Mama erzählt mir von Überwachungsdrohnen, die über unserer Heimatstadt kreisen. Sie berichtet, dass alle Bewohner längst ihre Habseligkeiten in Schachteln gepackt haben, um gegebenenfalls vor den Russen fliehen zu können. Viele haben neben dem Bett eine Box mit all ihren Dokumenten liegen, damit sie zumindest das Wichtigste beisammen haben, sollte der Angriff mitten in der Nacht kommen.“ All das ist Realität inmitten der Ukraine, während in Brüssel noch darüber debattiert wird, ob dort überhaupt Krieg herrscht.
Die Separatisten im Osten des Landes haben – mit direkter Unterstützung aus Moskau – in den vergangenen Tagen die Oberhand gewonnen. Nach mehr als 2.600 Toten, der Großteil davon Zivilisten, und über einer halben Million Vertriebenen, steht die Ukraine am Abgrund. Putin spricht offen von „Novorossija“, Neurussland, und meint damit jenen Teil der Ukraine, der sein Vasallenstaat werden soll.
„Wir müssten Putin doch lieben.“
Und Inna? Sie und ihre Familie, sie müssten Russlands Präsidenten doch eigentlich lieben. Denn sie stammt aus der Stadt Cherson, das unmittelbar nördlich der Krim liegt und Teil dessen ist, was der Kremlchef als zutiefst russische Einflusssphäre betrachtet. „Ja, Russisch ist meine Muttersprache“, sagt Inna, „aber heißt das, dass die Ukraine nicht mein Vaterland sein kann? Die Propaganda des Kreml will uns glauben machen, alle russischsprachigen Ukrainer seien nun die Feinde einer rechtsradikalen Junta in Kiew. Sie wollen uns einreden, wir würden verfolgt und bedroht und nur Moskau sei in der Lage, uns zu schützen.“
Es muss schwer für Inna sein, in Paris, oder wie jetzt in Wien, zu sitzen und die Nachrichten aus ihrer Heimat zu verfolgen. „Eines Abends klicke ich mich im Internet durch die Bildergalerien aus dem Krieg, und wen entdecke ich auf einem der Fotos? Einen alten Freund von mir, mit der Kalaschnikow in der Hand. Ich kannte ihn noch ganz anders. Typ: Intellektueller, Mitarbeiter in einem Ministerium. Und plötzlich: er an der Front, als Anführer eines Trupps von freiwilligen Kämpfern, die die ukrainische Armee unterstützen. Ich war geschockt. Die Vorstellung, dass ein intelligenter Mensch in eine Lage gerät, wo er zur Waffe greift, sein Leben riskiert, das ist zum Fürchten. Später habe ich mit ihm SMS geschrieben. Er sagte: wer soll denn sonst für unsere Heimat kämpfen, wenn nicht wir?“

„Mein Onkel wurde mit 47 einberufen.“

Der Krieg, er ist für den Großteil der Ukrainer längst zum Alltag geworden. „Meinen Onkel etwa haben sie vor kurzem eingezogen. Er ist 47, hat zwei kleine Kinder, aber seit kurzem herrscht die Generalmobilmachung und so musste auch er zurück in die Armee. Es macht mich betroffen, wie die Normalität in der Ukraine immer weiter verschwindet. Mein Onkel war Lkw-Fahrer, ich kann mich noch erinnern, wie er mich als kleines Mädchen manchmal mitnahm und ich mit ihm in diesem großen Truck durch‘s ganze Land fuhr. Und auf einmal soll dieser Mann in den Krieg ziehen? Vielleicht kämpfen? Das ist doch vollkommen verrückt.“
Wird Inna gefragt, wer für diese Spirale des Wahnsinns die Verantwortung trägt, wer schuld daran sei, dass in Europa wieder Krieg herrscht, zögert sie nicht lange. „Putin, wer sonst? Aber nicht etwa, weil ihm die russischsprachigen Ukrainer so am Herzen liegen würden. Ihm geht es allein um sich selbst. Um die Absicherung seiner Macht, um den Platz in den Geschichtsbüchern. Er hat für sich rasch erkannt, dass die Proteste auf dem Maidan in Kiew und der Sturz von Janukowitsch letztlich auch seine Herrschaft gefährden und dementsprechend gehandelt.“
Dass Europa und die USA diesem Handeln wenig entgegenzusetzen hatten, erzürnt Inna. Sie, die mit ihren Kampfgenossinnen vor einem Jahr in Hannover barbusig auf den Kremlherrscher zustürmte. „Diktator! Diktator“, schrie und bald von den Sicherheitskräften weggezerrt wurde. „Damals hieß es, die dummen Mädls, die Kanzlerin Merkel beim Staatsbesuch Putins in Deutschland blamierten. Vielleicht sieht das Merkel heute auch anders.“
„Die USA und die EU zögerten zu lange, bevor sie Putin überhaupt entgegentraten. Ihm gegenüber darf man keine Schwäche zeigen, nie zögern oder zaudern. Er ist smart und den anderen immer einen Schritt voraus. Schon bei der Invasion der Krim hat er gelogen und das Völkerrecht gebrochen und nun steckt er den gesamten Osten der Ukraine in Brand. Putin ist ein Kriegsverbrecher, ein Fall für den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.“ Doch selbst wer diese Einschätzung teilt, den von einer Mehrheit der Russen gewählten Präsidenten vor dem Richter sehen will, gerät rasch ins Stocken, wenn er erklären soll, wie Putin konkret zu stoppen wäre.

„Die Sanktionen brachten nichts.“

So geht es auch Inna, die nun erstmals ratlos wirkt. „Die Sanktionen brachten bislang gar nichts. Sie änderten Putins Handeln um keinen Millimeter. Sie treffen das russische Volk und das schart sich in Zeiten wie diesen hinter seinem Führer. Den Russen, mit ihrer Geschichte als Großmacht, gefällt sein Handeln, Putin gibt ihnen das Gefühl von Stärke und Macht. Die Russen würden wohl auch hungern, nur um ihren Stolz nicht zu verlieren. Das ist das alte imperialistische Gehabe, das im Volk noch immer stark verankert ist.“
Doch so hart Inna mit Putin ins Gericht geht, so stark kritisiert sie auch die Vorgänge in Kiew. Denn der Glaube, die Ereignisse dieses Jahres in der Ukraine ließen sich in einfachstem Schwarz-Weiß zeichnen, trug ebenso zur gegenwärtigen Eskalation bei.
„Die Ukraine ist zwei Jahrzehnte lang von Mafia-Clans regiert worden“, sagt Inna, „die Politiker haben sich am Land nur bedient. Ihre Familien und Freunde in höchste Positionen gehievt und die Ukraine zum Selbstbedienungsladen gemacht. Wie soll aus einem Land mit solch einem verrotteten politischen System plötzlich ein Paradebeispiel der Demokratie werden? Der neue Präsident, Petro Poroschenko, ist ja auch nur ein weiterer Oligarch an der Macht. Von allen, die zur Wahl standen, war er wohl noch das geringste Übel, aber für einen wirklichen Wandel steht er genausowenig.“ Je mehr Zeit vergeht und je länger die Ukraine Thema ist, desto unbedarfter wirken viele Aussagen von Politikern des Westens. In Unkenntnis des Landes bewerten sie die Ereignisse nach einem einfachen Freund-Feind-Schema, das die Wirklichkeit zwar einfach erscheinen lässt, aber keine Lösungen bietet.
„Es braucht Zeit“, meint Inna: „Als die Sowjetunion vor 24 Jahren zerbrach, herrschte absolutes Chaos. Die Unabhängigkeit der Ukraine war ein Zufallsprodukt. Etwas, für das niemand auch nur gekämpft hätte, sondern das plötzlich da war. Erst jetzt, wo Putin sie bedroht, begreifen die Menschen, was Unabhängigkeit bedeutet. Aber bis die Ukraine wirklich demokratischer wird, bis sich tatsächlich Politiker finden, die nicht in die eigene Tasche wirtschaften, braucht es wohl noch fünf Revolutionen und zwanzig Wahlen. Auch wenn das selbst ernannte Experten, die vermutlich die Ukraine nur von irgendwelchen Konferenzen unter ihresgleichen kennen, anders sehen.“

„Ewig oben ohne rumlaufen? Nein.“

Es fällt schwer, nach so viel ehrlich vorgebrachter Hoffnungslosigkeit das Thema zu wechseln. Zu fragen, wie es Inna und dem nackten Protest nun geht. „Dass Janukowitsch und bald wohl auch Putin als Diktatoren gesehen werden, das ist auch unser Verdienst“, antwortet sie als Rechtfertigung auf die Frage, was FEMEN eigentlich bewirkt habe.
Der Kampfgeist, der Wille und auch die Wut einer Feministin, die in einer patriarchalischen Gesellschaft lebt – all das steckt weiter in ihr. Auch wenn Kritiker das Projekt FEMEN als gescheitert erklären. Ihr vorhalten, dass die Gruppe junger Frauen anfangs von einem Mann gesteuert wurde. Und sie selbst das gar nicht abstreitet, sondern es als „Emanzipationsprozess“ bezeichnet. „Denn wenn selbst überzeugte junge Feministinnen wie wir zu Beginn. ohne es selbst zu merken, in die Abhängigkeit eines Mannes gerieten, zeigt das, wie sehr es unseren Kampf braucht.“
Und egal ob Putin, oder wie in letzter Zeit immer häufiger, der Islam der Gegner ist, Inna gibt nicht auf. „Klar, ich will nicht ewig oben ohne herumlaufen und schreien. Aber ich will etwas bewirken, verändern, eine Frau sein, die nie Gegebenes hinnimmt. Die Entscheidung, den Sexismus der anderen umzukehren, indem wir selbst unsere Brüste zeigen, brachte Aufmerksamkeit für unseren Kampf. Vielleicht gründe ich, angezogen, noch eine Partei, um ihn fortzuführen.“ Das wäre dann Innas drittes Leben.

Erschienen in NEWS 36/2014