„Wir leben inmitten einer Zeitenwende“

Reporter-Legende FRITZ ORTER ist überzeugt, dass wir inmitten einer Zeitenwende leben. Im NEWS-Interview analysiert er 2014: Ein Jahr, in dem die Welt aus den Fugen geraten ist – und spricht über sein privates Drama.

Die Kriegstrommeln werden noch immer geschlagen. Das Abschlachten auf den Kriegsschauplätzen geht weiter. Frieden wird es nie geben, aber vielleicht eines Tages keine Kriege mehr, wie ich sie kannte.“
Der Mann, der dies in seinem jüngsten Buch düster beschreibt, war selbst in 14 Kriegen. Fritz Orter ist für heimische TV-Seher über die Jahrzehnte zum Gesicht dieser Kriege geworden. Von Afghanistan über den Irak bis Syrien: Orter war dort und lieferte Bilder aus dem Wahnsinn, kleidete das Grauen in Worte. Und erlebte doch an der Heimatfront seine größte Tragödie. Der Krebstod seiner Frau vor drei Jahren zog ihm den Boden unter den Füßen weg. Nahm ihm die Kraft, weiterzumachen. 2012 verkündete der heute 65-Jährige seinen Abschied vom Schirm. Im NEWS-Interview verdeutlicht die Reporter-Legende, worin seine Stärke liegt: die wache Analyse des Weltgeschehens, die Fähigkeit, Ereignisse in größere Zusammenhänge zu setzen und so ein Bild der Welt 2014 zu entwerfen.

Sind Sie ein Mensch, der am Ende eines Jahres Bilanz zieht? Zurückblickt auf Geschehenes und versucht, es einzuordnen?
Fritz Orter: Früher blieb schon beruflich gar nicht die Zeit dafür. Wenn ich nur daran denke, wie oft ich zu Weihnachten und Neujahr in irgendwelchen Kriegsgebieten war. Ob Bilanzziehen Sinn macht, ist die andere Frage, wichtiger ist der Blick in die Zukunft. Die Erfahrung lehrt leider, dass es politisch auf der Welt von Jahr zu Jahr schlimmer geworden ist. Ich erinnere mich an meine Euphorie 1989, als der Eiserne Vorhang fiel, auch an die Aufbruchsstimmung, als wir vor 20 Jahren der EU beitraten, später den Euro einführten. Wenig ist davon übrig geblieben. 2014 war ein schreckliches Jahr.
Was hat sich verändert? Schon in den 90er-Jahren sagte eine Kollegin zu Ihnen: „Lass uns doch in Ruhe mit deinen Leichen. Keiner kann sie mehr sehen.“
Orter: Es ist klar, dass angesichts all des Grauens bei den Konsumenten eine Sättigung eintritt. Aber auch wenn man nicht hinschaut, die Konflikte bleiben. Dabei reden wir erst gar nicht von Afrika. Was dort geschieht, blenden wir mittlerweile ja völlig aus. Anders beim so genannten Islamischen Staat (IS): da begannen wir dieses Jahr zu begreifen, dass der quasi vor unserer Haustür liegt und das schüchtert uns ein. Wobei diese Kopfabschneider nicht einfach so dort aufgetaucht sind.
Gerade für Sie, der immer wieder in den Irak oder nach Syrien reiste, dürfte das Werden des IS keine Überraschung sein?
Orter: Wir haben es verdrängt und vergessen. Der Vorläufer des IS, die Al Kaida im Irak, ist ein altes Geschöpf, das kaum einen kümmerte. Die standen, von der Welt völlig ausgeblendet, schon vor einem Jahr einmal vor den Toren Bagdads. Aber um den Irak kümmerte man sich nicht mehr, die Amerikaner waren draußen, das Chaos blieb, doch das Interesse war weg.
Seit aber Tausende junge Männer aus Europa aufbrechen, um sich dem IS anzuschließen und zum Teil radikalisiert zurückkehren, ist das anders.
Orter: Jungen, entwurzelten Muslimen wird auf perfide Art vermittelt, dass sie hier in unserer kapitalistischen, säkularen Gesellschaft nichts wären, nur Versager. Aber bei uns, im Islamischen Staat seid ihr wer, wird ihnen gesagt. Das ist natürlich Schwachsinn: gerade die Europäer ohne Kampferfahrung gelten den Islamisten bloß als Kanonenfutter. Aber bis sie das realisieren, ist es schon zu spät.
Kann es denn der von den USA geführten Allianz gelingen, den IS militärisch niederzuringen?
Orter: Der Krieg gegen den Terror ist schon unter Bush gescheitert. Man müsste die Ursachen ausmerzen, weshalb sich junge Männer den Islamisten überhaupt erst anschließen. Das geht nur über Bildung, Erziehung und Chancen. Dass sich Chancenlose, denen man Waffen und ein Einkommen gibt, selbst zu Herren über Leben und Tod erklären, kennen wir doch aus unserer eigenen Geschichte, denken wir nur zurück an die 30er-Jahre.
Weshalb kommt es aber gerade im Jahr 2014 zu einer solchen Häufung von Gewalt und Krieg?
Orter: Weil wir inmitten einer Zeitenwende leben. Die islamische Welt, so wie wir sie bislang kannten, zerbricht vor unseren Augen und wird über Jahrzehnte hinweg nicht zur Ruhe kommen. Unsere demokratischen Werte, auf die wir so stolz sind, fielen auch nicht vom Himmel. Wir als Europäer mussten selbst erst durch Ozeane an Blut waten, damit wir nun seit 70 Jahren in Frieden leben können.
Ist dieser nun gefährdet?
Orter: Zerbröselt der Wohlfahrtsstaat, dann sehe ich schwarz. Es gibt gar nicht so wenige, die sagen: lieber etwas zu essen, als Freiheit. Die Rattenfänger, die wir bloß aus der Geschichte zu kennen glaubten, scharen sich schon und gefährden so das Modell unserer repräsentativen Demokratie. Unsere politischen Eliten sind kaum noch in der Lage, Lösungen zu finden. Sie sind selbst Getriebene der Wirtschaft.
Woran machen Sie das fest?
Orter: Das beste Beispiel dafür sind die Russland-Sanktionen. Den einen können sie nicht rasch genug aufgehoben werden. Die anderen beharren zu Recht darauf, dass es unakzeptabel bleibt, wenn das Recht des Stärkeren Gesetz ist. Denn nichts anderes macht Putin und das geschickt. Die Ukraine-Krise ist eine weitere Zeitenwende.
In der Ukraine-Krise entzündet sich auch Kritik an den Medien. Die Berichterstattung sei zu konform, das gezeichnete Bild zu Schwarz-weiß. Zu Recht?
Orter: Es gibt nicht mehr die alleine selig machende Meinung. Durch die technologische Revolution, aufgrund von Facebook, Twitter, merken viele Konsumenten erst, dass sich in den Medien oft nur noch „more of the same“ findet. Viele Zeitungen schreiben Agenturen ab, weil sie unter Spar-zwang stehen und Korrespondenten kürzen müssen: so geht Vielfalt verloren.
In der Ukraine-Debatte schwingt aber auch der Vorwurf der bewussten Verzerrung der Lage durch Medien mit.
Orter: Das kommt zumeist vom ganz rechten oder äußeren linken Rand des politischen Spektrums und ist auch als Kritik am Westen zu verstehen. Es wird damit argumentiert, dass der Westen per se nicht gut wäre. Im Namen der so genannten Werte des Westens wurden in der Vergangenheit schreckliche Verbrechen begangen. Diese Werte wurden durch Blut und Dreck gezogen. Sich nun also in der Konfrontation mit Russland auf sie zu berufen, ist daher schwierig. Man kann aber den Ukraine-Konflikt nicht lösen, indem man Russland isoliert. Das glauben vielleicht die Amerikaner, die weit weg sind.
Hat sich Europa im Ukraine-Konflikt zu sehr von den USA drängen lassen?
Orter: Wer sind denn die USA? Dort gibt es auch Hardliner, die damit liebäugeln, es darauf ankommen zu lassen, die sagen, wozu haben wir denn die NATO? Selbst die Horrorvision eines Atomkrieges in diesem Jahrhundert halte ich für nichts Abwegiges. Die Menschheit scheint unfähig, aus ihren Fehlern die richtigen Lehren zu ziehen.
Um Lehren geht es auch in Ihrem Buch, das seit Wochen auf dem ersten Platz der Verkaufscharts steht. Wohl auch, weil die Menschen Ihr privates Drama berührt.
Orter: Ich habe ein Leben lang über fremdes Leid und kalte Trauer berichtet. Bis mich meine private Tragödie erfasste. Die Krebserkrankung meiner Frau, deren rasches Sterben. Ihr Tod hat mir alles genommen. Drei Jahre danach hatte ich das Bedürfnis, darüber zu schreiben. Jeder Mensch geht anders mit solch einem Schicksalsschlag um. Der eine wird religiöser, der andere hadert gerade dann mit Gott.
Wie schwer fiel es Ihnen, über dieses private Leid zu schreiben?
Orter: Es war wahnsinnig schwierig. Ich habe lange mit meiner Tochter, die Psychotherapeutin ist, darüber gesprochen. Über Wege, den Tod zu verarbeiten. Seit ich nicht mehr beim ORF bin, blieb auch viel Zeit, darüber nachzudenken. Über meine Arbeit, das Leben. Wenn ich mir alte Videos von mir ansehe, auch mit Kameraleuten von früher spreche, denke ich mir: wir hatten oft mehr Glück als Verstand.

Erschienen in NEWS 51/2014