Krieg und Frieden

Angelobung von Freiwilligen des gefürchteten Aidar-Bataillons in der Ostukraine (Foto: Ricardo Herrgott)
Angelobung von Freiwilligen des gefürchteten Aidar-Bataillons in der Ostukraine (Foto: Ricardo Herrgott)

UKRAINE. Waffen, Wodka und Weihwasser. Mit Kiews berüchtigten Freiwilligenbataillonen an der Front. Warum sie kämpfen, auf die USA setzen und Frieden ein Fremdwort ist.

Es herrscht Frieden. Und wir hören dumpfes Artilleriefeuer. Nicht ständig, bloß immer mal wieder ein Grollen, das die Stille durchbricht. „Waren das wir oder die?“, fragt Dima dann hastig in die Runde und erntet ein Schulterzucken als Reaktion.
Wir sind an der vordersten Frontlinie eines Krieges in Europa. Hier, im äußersten Osten der Ukraine, kauern Dima und seine Kameraden zwischen aufgeschichteten Sandsäcken und Ziegeln, die sie blau-gelb bemalt haben. An ihren Schultern baumelt die Kalaschnikow, hinter ihnen liegen die Truhen voller Munition dafür, und vor ihnen steht der Feind. Wobei, so klar ist das nicht. Beim Blick durch den Feldstecher tauchen dort drüben, auf der anderen Seite des Flusses, nur ein paar Häuser und ein hoher Strommast auf.
Schastja heißt die Stadt, die Dima und seine Burschen zu verteidigen haben. Sie beginnt gleich hinter dem Checkpoint, an dem sie ausharren. Schastja, auf Ukrainisch wie auch auf Russisch bedeutet das Glück. Glück, das der Stadt verwehrt blieb in all den Monaten, seitdem der Krieg tobt.

Schastja – Die Frontstadt der Furcht.
Schastja liegt direkt auf einer 485 Kilometer langen Linie, welche zur Front geworden ist. Rechts davon beginnen die Gebiete, die Rebellen, pro-russische Separatisten oder wie auch immer man die Kämpfer für den Kreml nennen will, beherrschen. Links davon ist das, was der Ukraine von der Region Donbas in diesem Krieg noch geblieben ist. Schastja war schon auf beiden Seiten. Drei Monate regierten hier jene, die Kiew Terroristen nennt. Dann folgten Schlachten und Scharmützel, Tote und noch mehr Tote, am Ende stand die Wiedereroberung.

Die Bilanz nach fast einem Jahr Krieg: offiziell mindestens 6.000 Opfer, 1,4 Millionen Flüchtlinge und eine europäische Nachkriegsordnung, die zu existieren aufgehört hat. Derzeit hofft dieses Europa auf Frieden. Will glauben, dass die im weißrussischen Minsk ausgehandelte Waffenruhe hält, der Spuk im Osten ein Ende nimmt. Dagegen spricht nicht bloß das Artilleriefeuer am letzten Checkpoint von Schastja, sondern auch eine Zusammenkunft ein paar hundert Meter weiter.

„Ehre der Nation, Tod ihren Feinden!“
In einem Hinterhof, vor der Kulisse verfallender Häuser, haben sich an die 60 Männer aufgereiht. Ein wilder Haufen aus Uniformen wie vom Ausverkauf im nächsten „Army Shop“. Es sind Junge und Alte, die hier angetreten sind. Einer trägt Turnschuhe, ein anderer statt Kappe oder Haube ein Piratentuch im Desperado-Style. „Ruhm der Ukraine, den Helden Ruhm!“, ertönt der Schrei aus allen Kehlen. „Ehre der Nation“, gibt der Kommandant als Nächstes vor. „Tod ihren Feinden“, brüllen die Männer zurück. Danach weiß jeder, was kommt: „Putin?“, krächzt der Befehlshaber, „Chuilo!“, erfolgt der schmetternde Vulgärverweis auf das männliche Geschlechtsorgan.
Wir sind Zeugen einer Angelobung, eines Treueschwures, einer Verpflichtung fürs Vaterland. Ein orthodoxer Pope schreitet nun mit Kreuz und Weihwasser bewaffnet durch die Reihen und schärft die Männer auf den bevorstehenden Kampf ein. „Mit uns ist Gott“, lautet das Credo dieser Einheit, deren Kämpfer nicht gerade im Ruf stehen, zu Heiligen zu zählen. Ganz im Gegenteil. Allein „Aidar“, der Name des Sturmbataillons, gilt vielen als Synonym des Schreckens. Wer hier gesegnet wird, ist nicht wie 100.000 Mann im vergangenen Jahr zwangsmobilisiert worden, sondern ein Freiwilliger.

Patrioten werden sie genannt. Jene tausende Kämpfer, die sich den über 30 verschiedenen Bataillonen angeschlossen habe, welche mit ihren Freiwilligen längst das Rückgrat der Armee bilden. Oder, besser gesagt, den einzigen Grund, dass es diese Armee überhaupt noch gibt. Denn als die Ukraine vor einem Jahr die Krim verloren hatte, stand der Generalstab in Kiew vor einer erschreckenden Erkenntnis: All die schönen Zahlen, die den Generälen Auskunft über vorhandene Panzer und Truppen versprachen, waren Makulatur. Nichts als eine Scheinwelt, niedergeschrieben auf geduldigem Papier. Die Realität der Kasernen entsprach dem Gegenteil. Die Armee war ein Abbild ihres Landes: ausgeraubt und geplündert, von seiner korrupten Führung verkauft und verscherbelt. Das, was noch da war, besaß Schrottwert und der lag kaum höher als die Moral der Truppe. Die Antwort auf die Separatisten, die von Woche zu Woche mehr die militärische Oberhand gewannen und Material wie materiell Zuwendung aus Moskau erfuhren, war so klar wie gefährlich zugleich: Freiwilligenverbände, finanziert von Oligarchen, verpflichtet vom „Maidan“, wo nicht nur friedlich für die Fernsehbilder getanzt, sondern auch brutal gekämpft wurde.

„Aidar“ – Gebraucht und gefürchtet.
Und so stehen sie nun hier in Schastja, die frisch angelobten Kämpfer für „Aidar“, während in den Abendnachrichten die Waffenruhe gepriesen wird. „Dieser Krieg endet erst, wenn die Russen vor Kiew stehen oder wir sie endlich aus unserem Land schmeißen“, sagt Janko, einer der Neuen, gerade 20 Jahre alt. Wie viele, hat der aus Kiew stammende Mann, erst in der Konfrontation mit Russland seine ukrainische Identität entdeckt und ist durch den Hass auf Putin zum glühenden Nationalisten geworden. Eine brandgefährliche Entwicklung, die sich im Fall weiterer fataler Niederlagen gegen jene Politiker richten wird, welche sie jetzt noch befeuern. „Ukraine über alles“, lässt Präsident Petro Poroschenko etwa in seinem hauseigenen Fernsehsender als Dauerinsert einblenden. Eine Zeile, auch auf die Betonsperren etlicher Checkpoints im Donbas gesprüht, die schon vor 70 Jahren ins absolute Verderben wies.

Nun preschen Jeeps durch leere Dörfer. Viele Fenster der kleinen Häuser sind mit Brettern vernagelt, deren Bewohner  vor dem Krieg geflohen. Es geht zum Kommandanten von „Aidar“, der bereit ist, uns und damit erstmals ausländische Journalisten, zu empfangen. Die Liste der Vorwürfe ist lang. „Amnesty International“ hat Fälle von Kriegsverbrechen, Plünderungen, Erpressungen und blankem Raub durch „Aidar“-Kämpfer sorgfältig dokumentiert. Sich erzählen lassen, wie es ist, wenn plötzlich bewaffnete Freiwillige in der Tür stehen, einen schlagen, zu Boden werfen, als Separatisten verdächtigen, den Mund zukleben, einen Sack über den Kopf ziehen und zu „Spezialverhören“ mitnehmen.

„Typen, die zum Plündern kamen.“
„Es ist Unentschuldbares passiert“, gibt der Kommandant, Oberstleutnant Jewgeni Ptaschnyk, offen zu, „gerade als Aidar aufgebaut wurde, zog die Einheit obskure Typen an. Leute, die zum Plündern kamen und nicht zum Kämpfen.“ Auch Rechtsextreme? Der Kommandant, Typ Bruce Willis, verzieht keine Miene, nickt, „ja, auch solche.“ Wer glaubt, selbst einen vor sich sitzen zu haben, irrt hingegen. Der „Aidar“-Anführer ist Russe, im Land des nunmehrigen Feindes geboren. Er ist 52, Absolvent der Militärakademie, einst Angehöriger von Spezialkommandos, Kämpfer im Afghanistan-Feldzug der Roten Armee gewesen. „Ich sehe, wie die Leute in Europa leben und weiß, wie in Russland. Und zwar nicht bezogen auf den Wohlstand, sondern im Sinne der Freiheit. Mir ist klar, was die bessere Wahl für die Ukraine ist.“

Der Kommandant steht seit November an der Spitze der 1.000 Mann starken „Aidar“-Truppe. Binnen weniger Monate hat er 76 seiner Kämpfer sterben sehen. „Ich setze darauf, dass die USA uns moderne Waffen liefern. Geschieht dies, schließen sich uns mehr Leute an, da sie nicht länger fürchten müssen, in den ersten Stunden des Kampfes sofort umgebracht zu werden. Erst wenn Russland blutet, wird all das enden. Putin ist nicht dumm, er begreift, dass seine Macht schwindet, wenn der Preis, den er zahlt, steigt.“

Doch wie hoch ist dieser Preis? Und wie groß Putins Rolle tatsächlich? Das deutsche Magazin „Der Spiegel“ berichtete kürzlich, dass „US-Hardliner den Konflikt mit Moskau anheizen“, um endlich Waffen liefern zu können. Der NATO-Oberbefehlshaber in Europa, US-General Breedlove, setze daher auf „gefährliche Propaganda“, indem er die Zahl russischer Truppen weit überhöht darstellt und so bewusst eskaliert.
Wie viele es wirklich sind, kann selbst Dima am letzten ukrainischen Checkpoint in Schastja nicht sagen. „Aber ich weiß eins: im Sommer waren meine Kameraden und ich bis weit hinter Luhansk vorgedrungen, hatten die Großstadt schon fast eingekesselt. Und auf einmal, völlig unerwartet, gab es Verstärkung für die Separatisten, neue Waffen, mit denen sie uns zurückschlugen.“

Dima hockt am offenen Ofen, wärmt seine Hände, stellt Wasser zum Kochen auf. Er erzählt, dass seine Frau und die Kinder noch drüben seien, „bei diesen Gangstern.“ Ihn hätten sie in den ersten Wochen nach Ausrufung ihrer „Volksrepublik“ verhaftet und in einen Kerker gesteckt, da er Menschen auf die andere Seite gebracht hatte. „Meine Frau zögerte zu lange. Nun weiß ich nicht, wann ich sie rausholen kann.“
24 Stunden schieben er und seine sieben Kameraden am Checkpoint Dienst. Immer hält einer am Fernrohr Ausschau nach drüben. Und wird plötzlich unruhig. In drei Kilometern Entfernung herrscht Betriebsamkeit. Männer tragen „Grad“-Raketen aus einem Haus, befüllen die Werfer damit. Hagel heißen diese Geschoße übersetzt, werden von den Rebellen wie von den Ukrainern gleichermaßen verwendet, sind ob ihrer Ungenauigkeit gefürchtet und für viele der zivilen Opfer verantwortlich.

„Es ist auch euer Krieg.“
„Schießen die nun?“, fragt Dima und weiß genau, dass dies das Ende der Waffenruhe wäre. „Nein“, meint ein anderer und lacht, „es ist noch zu früh, die haben noch zu wenig Wodka intus.“ Alkohol ist auf beiden Seiten tabu und dennoch das größte Problem. Unten im Bunker, der wie ein Dachsbau auf Holzpfählen in die Tiefe führt, lagern die schusssicheren Westen, die Schalldämpfer und all das Gerät, das Verwandte, Freunde oder gar Fremde finanziert haben. Auf dem Feldbett liegt auch ein dickes Buch: Tolstois „Krieg und Frieden“. 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, 300 Kilometer von der Stadt, die einst Stalingrad hieß, liest man darin auch diesen Satz: „Solange es Schlachthöfe gibt, wird es auch Schlachtfelder geben.“

„Wisst ihr, wie die Russen diesen Krieg nennen?“, fragt Dima, „gescheitere EU-Integration der Ukraine. Es ist auch euer Krieg. Glaubt nicht, dass er euch nicht betrifft, nur weil ihr weit weg seid, sonst wacht ihr erst auf, wenn er vor eurer Haustür angekommen ist.“

Erschienen in NEWS 12/2015

Video DonbasDas Video zur Reportage