Als der Krieg kam…

Alexander Sergejewitsch ist 64 und steht vor dem, was einst sein Haus war (Foto: Ricardo Herrgott)
Alexander Sergejewitsch ist 64 und steht vor dem, was einst sein Haus war (Foto: Ricardo Herrgott)

UKRAINE. Flüchtlinge, Vertriebene, Fanatiker. Vier Schicksale, die der Krieg im Donbas schrieb. Und die fürchten lassen, dass die große Konfrontation erst bevorsteht.

Sie hatten dem alten Mann geraten, wegzuziehen. Alles zurückzulassen, um sein Leben zu retten. Sie, das waren die Separatisten, die Rebellen, die neuen Herren hier. „Schau“, hatte ihm deren Kommandant zugeraunt, „du hörst ja, die Raketen schlagen schon ständig ein. Dein Haus liegt zwischen den Linien. Wir werden versuchen, es zu verteidigen. Aber du kannst dabei auch draufgehen. Es ist deine Wahl, Opa.“ Und so nahm Alexander Sergejewitsch seine Frau, packte ein paar Habseligkeiten und ging.

Das war im Mai des vergangenen Jahres. Nur wenige im Westen ahnten damals, dass sich dort im Osten der Ukraine, in der Kohleregion Donbas, etwas zusammenbraute, das das weitere Schicksal Europas für immer verändern würde.

„Den Friedhof habe ich in meinem Kopf.“

Nun steht Alexander Sergejewitsch inmitten des Schuttes. Trottet durch eine Ruine, die sein Haus war. Sieht er ein Papierstück am Boden liegen, bückt er sich langsam und prüft, ob er es noch brauchen kann. Er ist 64, hat wache Augen, aber Knochen, die ihm zu verstehen geben, dass er kein neues Haus mehr bauen wird. Er zeigt, wo die Küche lag, wo das Wohnzimmer, wo die Kammer, in der die Tochter aufwuchs. Als er und seine Frau nach ein paar Wochen zurückgekehrt waren, fanden sie ihr Haus so vor. „Ich weiß nicht mal, wer es zerschossen hat: die Unsrigen oder die aus Kiew“, sagt Alexander. Mit den Unsrigen meint er die Separatisten, die hier in Slowjansk ihr Hauptquartier errichtet hatten. Als die ukrainische Armee den Belagerungsring zuzog, brachen sie aus und setzten sich in die Gebietshauptstadt Donezk ab. „Ich bin niemandem böse“, sagt Alexander, „aber ich begreife es nicht. Alles hat mit diesem Maidan in Kiew angefangen. Was war denn so schlecht an Präsident Janukowitsch? Wir hatten unsere kleine Rente und Frieden. Und jetzt? Hyperinflation, 70 Euro Pension und ein kaputtes Haus.“

Alexander ist keiner, der sich in Rage redet, wütend würde oder Schimpfwörter verwendet. Er nennt die neuen Machthaber in Kiew weder „Junta“, noch „Faschisten“, gebraucht keinen der Begriffe, die im russischen Fernsehen, das viele hier sehen, Allgemeingut sind. Und doch wird klar, dass er mit denen, die kamen, seine Stadt zu befreien, wenig anfangen kann. „So viele Menschen sind tot. Nachbarn, Freunde. Den Friedhof habe ich längst in meinem Kopf.“

Wir fahren durch ein verblutendes Land. Vorbei an Industriebrachen, die nicht enden. Zerbröselnde Fabriken, Straßen voller Schlaglöcher. Eine Region, die schon bevor der Krieg begann, angezählt war, ausgeplündert wurde, von dem zehrte, was die Sowjetunion an Substanz übrig gelassen hatte. Nun sind, gelinde geschätzt, mehr als 6.000 Menschen tot, weit über eine Million geflohen, Produktionsstätten zerstört, Zukunftspläne Makulatur. Der Waffenstillstand, der Anfang Februar im weißrussischen Minsk ausgehandelt wurde, wirkt von Tag zu Tag brüchiger. Beide Seiten scheinen nur darauf zu warten, dass ihnen die andere den Grund dafür liefert, erneut losschlagen zu können. Hinzu kommt, dass sich Kiew selbst in jenen Gebieten, die es im Donbas beherrscht, nicht der Unterstützung der ganzen Bevölkerung sicher sein kann.

Geduldet ja, aber fern von geliebt. Ein Gefühl, das einer Frau namens Anna bekannt vorkommt. „Ich spüre es jeden Tag, wenn ich in die Stadt rausgehe. Dabei dachte ich, ich wäre auf die richtige Seite geflohen.“ Die Blonde mit dem Pagenkopf steht in einer angemieteten Wohnung, deren Einrichtung sie hasst. Die speckige Couch, das dunkle Holz, die kitschigen Tierbilder an der Wand. „Was man eben findet, wenn es schnell gehen muss.“ Aber Vova, ihr Sohn, der acht ist, hat ein eigenes Zimmer und somit Zeit für sich, die er braucht, um zu verstehen, was in den vergangenen Monaten eigentlich geschehen ist.

Damals lebten er, seine Mutter und der Vater noch gemeinsam in Donezk. Es war die Zeit, die Anna nur noch „den Wahnsinn“ nennt. Im vergangenen Frühjahr, bevor der Krieg begann, organisierten die Separatisten mit Hilfe Moskaus ein Referendum über die Abspaltung des Donbas von der Ukraine. „All die Versager, die Leute, die du schon immer im Verdacht hattest, dass sie ihr Leben nicht auf die Reihe kriegen, schlossen sich ihnen an“, sagt Anna, die in der Millionenstadt als Managerin bei einem Energieversorger arbeitete. „Plötzlich rannten sie alle mit russischen Fahnen herum, hatten Waffen und schwärmten von Putin. Aber auch Freunde, bei denen ich es nicht vermutet hätte, tauschten auf einmal ihr Profilfoto auf Facebook gegen das des russischen Doppeladlers aus.“

„Mein Mann, der Separatist.“

Und dann die Erkenntnis, die Annas Leben verändert: „Mein eigener Mann ist einer von denen.“ Anfangs diskutieren die beiden noch. Während der Sohn schläft, streiten sie über die Zukunft. Sie, die Erfolgreiche und Selbstbewusste, sieht sie in Europa. Er entgegnet, dass dieses Europa einen Donbas mit all seinen Fabriken, die für Russland produzieren, nicht braucht, Abertausende ihre Jobs verlieren würden. „Aber im Grunde ging es ihm um etwas anderes“, sagt Anna, „er ist einfach ein Watnik. So nannten wir in der Sowjetunion diese schrecklichen, mit Watte gefütterten Jacken und so nennen wir heute die Leute, die die Sowjetunion noch immer in ihren Köpfen tragen. Mein Mann ist einer davon.“

Nur widerwillig zeigt Anna Fotos von ihm auf dem Handy. Sie wirken dennoch wie Momente des Glücks. Die Familie gemeinsam auf der Krim, mit Matrosenmützen auf dem Kopf. Beim Eis essen, mit weißen Tauben, die Touristen auf die Schulter gesetzt bekommen. „Es war der letzte Sommer vor dem Wahnsinn.“

Als die Ukraine die ersten Raketen in Richtung Donezk abfeuert und in der Stadt immer mehr russische Söldner auftauchen, schnappt Anna ihren Sohn und flieht mit ihm. Hier, in der neuen Wohnung auf der ukrainischen Seite, bloß ein paar Kilometer Luftlinie von der alten entfernt, will sie auch nur bleiben bis ihre Firma eine Stelle für sie in Kiew bereitstellt. „Nach Donezk aber kehre ich nie mehr zurück. Mein Mann soll dort bleiben, in seinem Neurussland, mit der Kalaschnikow im Schrank, glücklich werden in Putins Albtraum-Paradies.“

„Brüssel ist fern. Moskau nah.“

60 Kilometer weiter und fünf Stunden holpriger Fahrt dorthin später, sitzt eine andere Frau frustriert am Küchentisch. Sie kommt gerade aus der Mittelschule, an der sie unterrichtet, hat Tee aufgesetzt und überlegt, wie es weitergehen soll. Wieder hat sie der Direktor heute daran erinnert, dass sie ihm noch ihre Vorschläge abzuliefern habe. Sie sei schon in Verzug und solle endlich erklären, wie sie gedenke, die Segnungen der Europäischen Union künftig in ihren Unterricht einzubauen. Sie wisse doch, die Order aus Kiew, der Druck, sie rasch umzusetzen, um nicht in Verdacht zu geraten, selbst ein Separatist zu sein. „Nur“, sagt die Frau, die wir Julia nennen wollen, um sie zu schützen, „mich interessiert diese EU genausowenig wie meine verbliebenen Schüler.“

Ihre Stadt stand für einige Monate unter Kontrolle der Rebellen, bevor die Ukraine sie zurückeroberte. Die Meinungen dazu bleiben geteilt. Manche erinnern sich mit Schrecken an die Säufer, die plötzlich Macht hatten und im Namen Moskaus zu herrschen glaubten. Andere aber sehen in diesem Russland, dessen Grenze gerade einmal ein paar Dutzend Kilometer entfernt liegt, weiterhin ihre Zukunft, ihr Schicksal.

So auch Julia, die Lehrerin, die mit einem Staat hadert, der immer weniger der ihre ist. „Wir sprechen hier alle Russisch, wir denken Russisch, wir wuchsen mit russischer Literatur, Musik und Kultur auf“, sagt sie und fragt, was schlecht daran sei. „All die Jahre lag darin nicht das geringste Problem. Und plötzlich haben wir eine Regierung aus lauter Westukrainern, die uns ihre Sprache, Literatur und ihr Denken aufzwingen wollen. Jeder, der nicht mitmacht, gilt als unzuverlässig, als Separatist.“

Lehrerin Julia und die geflohene Managerin Anna. Sie kennen einander nicht, hätten sich aber wohl noch vor einem Jahr gut verstanden. Nun aber scheint der Bruch so tief, wirken die Gegensätze derart unüberwindbar, dass einen die nächste Szene erschaudern lässt: Julias Sohn sitzt mit am Tisch. Sie fährt ihm zärtlich durchs Haar, streicht über sein Gesicht und sagt dann, völlig unvermittelt: „Hätte ich ihn nicht, würde ich auf die andere Seite gehen, mir eine Waffe umschnallen und kämpfen.“

„Solange es Putin gibt, endet es nicht.“

Jurij hingegen braucht keine Kalaschnikow, um zu kämpfen, die Waffen des jungen Mannes bestehen aus Wörtern. Mit Freunden hockt er in einem mit ukrainischen Flaggen und Bildern geschmückten Raum in Kramatorsk, der Stadt, in der auch die Armee ihr Hauptquartier hat. Ausschweifend und denoch präzise seziert er die Lage, analysiert Russlands Propaganda und deren verheerende Wirkung. Jurij stammt aus Lemberg, 1.200 Kilometer weiter westlich, spricht Ukrainisch und könnte einer Verschwörungstheorie entspringen.

Denn bevor er vor wenigen Monaten herkam, um „beim Aufbau der Zivilgesellschaft zu helfen“, erlebte er auf dem Maidan die „beste Zeit meines Lebens.“ Nach Kiew war er damals direkt aus Washington D.C. eingeflogen, wo er zuvor für den „National Endowment for Democracy“ tätig war. Dabei handelt es sich um eine aus dem US-Haushalt finanzierte Stiftung, von der Kritiker behaupten, dass das, was sie offen fördere früher noch ein Fall für eine CIA-Geheimoperation gewesen wäre.

Jurij sieht das anders, preist das Engagement der Amerikaner, „die im Unterschied zu euch Europäern kapiert haben, dass wir hier auch für eure Freiheit kämpfen und sterben.“ Nur einen Steinwurf von der Zusammenkunft entfernt, thront ein Mann, der Jurij wütend macht: Lenin. „Ein Symbol russischer Unterdrückung“, sind sich die Männer um Jurji einig. Dass dem Revolutionsführer die Beine mittlerweile in den Farben der Ukraine bemalt wurden, vermag sie nicht zu besänftigen. Schon planen sie, wie sie ihn möglichst bald und spätnachts, wenn seine zahlreichen Verteidiger schlafen, vom Sockel kippen können. Wobei sich Jurij keiner Illusion hingibt: „Dieser Krieg ist noch lange nicht vorbei. Er endet erst, wenn nicht nur Lenin stürzt, sondern auch Putin.“

Erschienen in NEWS 13/2015

Das Video zur Reportage: Der Krieg im Donbas