Obamas Mädchen

Ty'Sheoma Bethea ist 20. Neben ihr steht ein Poster, das den Moment zeigt, der ihr Leben änderte: Sie im Arm von Michelle Obama (Foto: Ricardo Herrgott)
Ty’Sheoma Bethea ist 20. Neben ihr steht ein Poster, das den Moment zeigt, der ihr Leben änderte: Sie im Arm von Michelle Obama (Foto: Ricardo Herrgott)

Als es 14 war, schrieb dieses Mädchen einen Brief an Präsident Obama. Er las ihn. Was folgte, ist Traum und Alptraum zugleich. Genau ein Jahr nach den Aufständen von Ferguson erzählt es mehr über die Rassenfrage und Obamas Vermächtnis als jede seiner Reden

Du bist 14, weiblich und schwarz. Irgendetwas, so ahnst du, läuft in deinem Leben falsch. Und es wird schlimmer. Mit jedem Monat, der vergeht. Deine Zukunft, so scheint dir, wirkt vorgezeichnet. Du brauchst dich nur umzuschauen und siehst, wie es wohl mit dir weitergehen könnte. In zwei, vielleicht drei Jahren wirst du schwanger werden. Der Typ, der Vater deines Kindes, wird sich später aus dem Staub machen. Vielleicht haut er einfach ab oder er landet auch im Gefängnis. Auf jeden Fall wirst du allein sein mit deinem Kind. Die Schule wirst du schmeißen, weil es gar nicht anders geht. Hast du Glück, nehmen sie dich zumindest bei Walmart für ein paar Stunden die Woche als Aushilfe. Oder auch drüben, in einer der Fastfood-Ketten entlang der einzigen Hauptstraße raus aus der Stadt. Du wirst dort schuften und es wird dennoch nicht reichen.

Du blickst dich um. Siehst das Klassenzimmer, in dem du hockst. Der Putz bröckelt von der Decke. An manchen Stellen regnet es rein, Lacken bilden sich, der Boden wirft Wellen, da und dort sind auch Löcher. Das Licht fällt immer wieder aus. Im Winter ist es saukalt, da der kleine Ofen in der Ecke, den ihr mit Holzscheiten befüllt, nicht ausreicht, um den Raum warm zu halten. Jede Unterrichtsstunde muss unterbrochen werden. Dann nämlich, wenn draußen die langen Güterzüge vorbeiächzen. Die Räder rattern so laut, dass ihr eure Lehrer nicht mehr versteht. Wobei, die Lehrer. Darfst du sagen, dass sie nicht unbedingt zu den besten ihrer Sparte zählen? Sie halten euch ruhig, wie sie es schon mit euren Eltern taten. Aber mehr von ihnen zu erwarten, so etwas wie ein echtes Rüstzeug für’s Leben vermittelt zu kriegen, wäre wohl vermessen.

Verdammt! Irgendetwas läuft da falsch!

Und dann triffst du, ohne es noch zu ahnen, die Entscheidung deines Lebens. Du  gehst nach der Schule rüber in die öffentliche Bibliothek. Dort gibt es einen Computer. Du fährst ihn hoch und beginnst zu schreiben:

“Dear Mr. President… Die Leute sehen meine Schule als hoffnungslos an. Uns als ungebildet. Doch das sind wir nicht. Wir möchten der Welt beweisen, dass wir eine Chance im Leben haben. Aufgrund der Bedingungen hier, werden wir es aber nicht schaffen. Dabei sind wir doch bloß Schüler, die versuchen Anwälte, Ärzte, Kongressabgeordnete oder eines Tages Präsident zu werden. Wir möchten unseren Staat South Carolina verändern, aber auch die Welt. Wir sind keine Versager.”

“We are not quitters”, wir sind keine Versager. Der Satz hallt durch das amerikanische Kapitol in Washington. Es ist der 24. Februar 2009. Unten haben sich alle 535 Abgeordnete versammelt. Oben spricht ein Mann, der angetreten ist, den Amerikanern die Hoffnung zurückzugeben. Der für “Change”, also Wandel, steht: Barack Obama. Nur Wochen zuvor war er als erster schwarzer US-Präsident vereidigt worden. Nun hält er seine erste Rede zur Lage der Nation. Und zitiert aus dem Brief, der ihn Tage zuvor erreicht hatte. Seine Verfasserin sitzt gegenüber auf der Ehrentribüne des Kongresses. Sie trägt ein fliederfarbenes Kleid, einen brav nach vorn gekämmten Pony, wirkt schüchtern und nervös. Zu ihrer Linken ist die First Lady, Michelle Obama. Sie umarmt sie, als ihr Mann, der Präsident, hochschaut und die 14-Jährige beim Namen nennt. Das Mädchen heißt Ty’Sheoma Bethea. Es bist du.

Ty'Sheoma Bethea

Wir fahren auf der Interstate 95 in Richtung Norden. Am Fenster ziehen Baumwollfelder und Tabakplantagen vorbei, dazwischen immer wieder leer stehende Farmhäuser, geschlossene Fabriken, vernagelte Bretterbuden. Im Radio gibt es nur ein Thema: die Rassenfrage. Ein Jahr ist seit den Ausschreitungen in der Stadt Ferguson vergangen. Dort war es über zwei Wochen lang zu Aufständen gekommen, nachdem ein weißer Polizist einen unbewaffneten schwarzen Jugendlichen erschossen hatte. Es roch fast nach Bürgerkrieg, am Ende rückte die Nationalgarde mit schwerstem Gerät an.  Auf Ferguson folgte Baltimore, dann Charleston. Monat für Monat ein neuer Anlass, ein neuer Fall von Polizeigewalt und ein neuer Grund, sich über das Zusammenleben von Weißen und Schwarzen in den Obama-Jahren Gedanken zu machen. “Und er tut nichts. Er schweigt einfach. Kein anderer Präsident war bislang in dieser Frage so passiv”, ereifert sich ein schwarzer Radio-Prediger über die Tatenlosigkeit des Präsidenten. “Ist auch besser so”, entgegnet sein Gegenüber, der vermutlich weiß ist, “wir brauchen keinen schwarzen Bürgerrechtsaktivisten als unseren Präsidenten.”

Korridor der Schande nennen sie diese Gegend entlang der Interstate 95, durch die wir fahren. Es ist das ländliche South Carolina, tiefste Südstaaten, im Herzen der USA. Das jährliche Durchschnittseinkommen liegt hier mit gerade einmal 28.800 Dollar um 15.000 Dollar unter dem des gesamten Bundesstaates. Oben im Norden, etwa in Maryland, ist es mit 70.000 Dollar mehr als doppelt so hoch. “We are not quitters”, wir geben nicht auf, wir sind keine Versager, hatte Ty’Sheoma in ihrem Brief damals geschrieben. Die Schulen desolat, die Menschen arm, der Landstrich, in dem sie wohnen, bewusst vernachlässigt – es war eines von Obamas großen Themen, schon im Wahlkampf. Nur die Hälfte der Schüler in diesem Korridor der Schande können am Ende ihrer Ausbildung halbwegs lesen, schreiben und rechnen. Der Staat investiert hier in jeden Schüler nur ein Viertel des Geldes, das er in besseren, meist mehrheitlich weißen Regionen ausgibt. Benachteiligung schreibt sich so von Generation zu Generation fort. Es gibt viele solcher Korridore in den Staaten. In die Nachrichten geraten sie erst, wenn es schon zu spät ist.

Sechs Jahre sind seit Ty’Sheomas Brief vergangen. Obama wurde in der Zwischenzeit wiedergewählt und das schüchterne Mädchen von damals zu einer jungen, hübschen Frau. Sie trägt ein weißes Kleid und das Haar lang, als wir ihr das erste Mal begegnen. Es ist in Dillon, einer kleinen Stadt mit gerade einmal 6.000 Einwohnern. Es ist ihre Heimatstadt, dort, wo alles begann.

Sie parkt ihren Wagen, einen weißen Honda Civic, vor der Baptistenkirche. Er, der Wagen, ist 23 Jahre alt, sie, Ty’Sheoma, 20. Auf der Rückbank sitzen ihre beiden jüngeren Schwestern. Gemeinsam laden sie Sachen aus dem Kofferraum. Musikboxen, einen Stapel CDs und einen Pappkarton. Darauf klebt das Foto, das damals jeder in den USA sah: Ty’Sheoma in den Armen der First Lady. “Mein schönster Moment”, wird sie später sagen, “aber für ihn sollte ich durch die Hölle gehen.”

Heute ist hier ein Basketball-Turnier und Ty, wie sie alle nennen, wird in der Pause auftreten. Während sich die Burschen warmdribbeln, erzählt sie von der Kälte, die sie umgab, als sie damals aus Washington heimkam. “Am Anfang waren alle stolz und begeistert. Ich, das einfache Mädchen, beim Präsidenten. Alles ging so schnell. Zuerst der Anruf aus dem Weißen Haus. So, wow, Obama hat meinen Brief gelesen. Meine Mum musste sich für mich erst ein Kleid ausborgen, ich besaß ja nur zwei Jeans. Ich war vorher noch nie aus Dillon rausgekommen und plötzlich saß ich im Flieger ins Weiße Haus.” Schon wenige Wochen später kippte die Stimmung. “Die Leute sagten, hey Obama baut dir eine neue Schule, und was ist mit mir, kauft er mir auch ein neues Auto, sorgt er dafür, dass mein Business wieder läuft?” Es war der Beginn der großen Krise, die Investmentbank Lehman Brothers wenige Monate zuvor Konkurs gegangen, Amerika in die Rezession geschlittert, acht Millionen Jobs gingen verloren. Obamas Stimuluspaket von über 800 Milliarden Dollar sollte das Land aus dem schlimmsten herausholen. Ein Teil des Geldes in Bildung und Schulen wie jene von Ty fließen. Doch das republikanisch regierte South Carolina stellte sich dagegen, verweigerte Obama die Zustimmung, Geld in die vernachlässigten und mehrheitlich von Schwarzen bewohnten Landesteile zu pumpen. Auch die Medien begannen, gegen den Plan mobil zu machen. In der “Washington Post” erschien ein großer Artikel, in dem die “Träumerin Ty’Sheoma” direkt angegriffen wurde. Einem 14-jährigen Mädchen erklärten elitäre Zirkel darin, dass es zu wenig sei , einfach wie an den Weihnachtsmann einen Brief zu schreiben und alle Wünsche gingen in Erfüllung, man müsse schon hart dafür arbeiten.

Das Basketball-Turnier beginnt. Im Publikum wie auf dem Spielfeld sind ausschließlich Schwarze, obwohl Dillon zur Hälfte von Weißen bewohnt wird. “Das war schon immer so”, sagt Ty, “man geht sich aus dem Weg. Sie haben ihre Sachen, wir unsere. Wenn in der Schule ein weißes Kind Geburtstag feierte, wurde kein schwarzes zur Party eingeladen. Ich habe mit 13 einmal die ganze Klasse eingeladen, aber von den Weißen ist kein einziger aufgetaucht.” Dafür nahmen die Anfeindungen zu. Mobbing, Häme und Spott. “Ich lag wach und weinte. Ich dachte, drei Schritte nach vorn gemacht zu haben und sie stießen mich vier zurück.” Bald darauf verlor Tys Mutter ihren Job als Schweißerin, die Fabrik sperrte zu und die Familie stand vor dem Nichts.

Draußen ist es noch hell, als Ty ihren Auftritt hat. Sie beherrscht das Spielfeld, ist selbstsicher und beginnt zu rappen. Der Text handelt nicht, wie es sonst so üblich ist, von schnellem Geld, noch schnelleren Autos, heißen Typen und deren gefälligen Gespielinnen. Nein, es ist ein Appell, auszuharren, sich mitten in den Sturm zu stellen, nicht aufzugeben und seinen Weg im Leben zu suchen. Nicht sehr sexy, dafür aber wahrhaftig und sehr amerikanisch. Es ist ihr Leben, von dem Ty singt.

“Ich bin eben mit 16 nicht schwanger geworden. Konnte weiter zur Schule gehen, meinen Abschluss machen”, sagt Ty später, als sie vor einem Backsteingebäude mit weißen Säulen steht. Es ist die J.V. Martin Junior High, ihre einstige Schule. Hergerichtet und renoviert und haben sie sie, ein paar Kilometer weiter noch eine Mittelschule gebaut. Es war der erste Schulneubau im gesamten County seit über 40 Jahren. 40 Millionen Dollar flossen so für Bildung nach Dillon. Dabei handelte es sich ausschließlich um Bundesmittel, der Staat South Carolina beteiligte sich mit keinem einzigen Cent. Was hier entstand, ist Tys Erfolg, ihr Sieg, ihr Vermächtnis. Und das von Obama, der Wort hielt und sich in den Sturm stellte.

Stunden später, als es längst dämmert, fallen Schüsse. Erst einer und nach einer Pause zwei weitere. Ty, die mit ihren Schwestern und Freunden von früher an einer Tankstelle plaudert, hört sie. Sie zuckt kein einziges Mal zusammen, hält nur kurz inne, versucht abzuschätzen, wie weit sie wohl entfernt sein dürften und redet dann weiter. Dillon, der Ort, hat gerade einmal 6.000 Einwohner. Er besteht aus ein paar Straßenzügen, in denen sich Fastfood-Restaurants, Pfandleiher und Waffenhändler aneinanderreihen. An manchen Ecken, wie hier an der Tankstelle, wird Alkohol verkauft. Sonst ist nicht viel. Bloß Gewalt. “Ganz in der Nähe haben wir gewohnt. Ich habe viele Freunde und Verwandte verloren”, sagt Ty und schaut zu Boden. Sie wirkt mit ihren 1,55 Meter nun noch kleiner als sie ist: “Sie starben an Drogen oder wurden erschossen.”

Am nächsten Tag, die Sonne scheint, steuert Ty ihren weißen Civic in Richtung Westen. Sie fährt heim, lässt Dillon hinter sich. An einigen der Häuser, die sie passiert, weht über der Veranda die Flagge der Konföderierten. Es waren die reichen Sklavenhalter des Südens, die sie einst hissten, als sie gegen die Nordstaaten in den Bürgerkrieg zogen. Erst vor Wochen, nachdem ein weißer Rassist in einer Kirche in Charleston neun Schwarze erschossen hatte, wurde die Fahne für immer vom Kapitol der Hauptstadt South Carolinas eingeholt. Beim Protest, der folgte, zeigten sich Anhänger des Kukluxklans unverhohlen und unverhüllt, ohne ihre obligatorischen weißen Kutten. “Wiederholt sich die Geschichte”, fragt Ty, nach allem, was geschehen ist, “was war der Sinn von Martin Luther King, von ‘I have a dream’, von Obama, wenn wir, wie in einer Zeitkapsel, seit Jahrzehnten die selben Debatten führen?”

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Ty in Atlanta, Georgia (Foto: Ricardo Herrgott)

400 Meilen führt der Interstate westwärts, rüber in den Bundesstaat Georgia, wo am Horizont Wolkenkratzer auftauchen. Atlanta, eine sich über eine Ebene ewig ausbreitende Metropole, ist Tys neue Heimat. Den Wagen parkt sie in einer Straße, in der alle Häuser gleich aussehen. Schmucke kleine Bauten aus Holz, mit Veranden davor und einer Garagenauffahrt daneben. Sie tippt in ihr Handy, zeigt den Dienstplan auf dem Display. Heute eine Achtstundenschicht, dann heim, schlafen, morgen dann elf Stunden. “Burschen, ich muss mich beeilen und umziehen. Ich bin spät dran.” Als sie zurückkehrt, sind Kleid und Stöckelschuhe Sneakers und einer knallroten Uniform gewichen. Damals, nach ihrem Brief an Obama, hatte sie vom College geträumt, wollte studieren. 50.000 Dollar kosten die Studiengebühren. Ein unaufbringbarer Betrag. Aber sie hatte gehört, dass viele Amerikaner von ihrer Geschichte so ergriffen waren, dass sie Geld spendeten. Viel Geld. Tausende an Dollar, die die Schulverwaltung versprach auf ein Sparbuch zu legen bis Ty volljährig wäre. “Am Ende waren 800 Dollar auf der Bank”, sagt Ty und stürmt zurück zum Auto, “der Rest war einfach verschwunden und keiner will es gewesen sein.” Sie macht eine abfällige Handbewegung, hat die Geschichte zu oft erzählt, als dass sie noch ihren Zorn zu wecken vermag.

Nach dem Massaker von Charleston war Präsident Obama im Juni zur Trauermesse geeilt. Seit seinem Wahlsieg hat er sich nicht mehr oft zur Rassenfrage geäußert gehabt. In all den Jahren, die folgten, weniger darüber gesprochen als die meisten seiner Vorgänger, George W. Bush eingeschlossen. Und dann, in Charleston, vor dem Sarg des erschossenen Pfarrers, fand er heilende Worte. “Viel zu lange waren wir blind dafür, wie die Ungerechtigkeit der Vergangenheit unsere Gegenwart formte. Vielleicht beginnen wir nun, uns ein paar harte Fragen zu stellen. Wie es sein kann, dass so viele unserer Kinder in Armut erlahmen, schäbige Schulen besuchen, aufwachsen ohne Aussicht auf Arbeit. Wie es sein kann, dass Kinder Hass lernen, Zehntausende in Gefängnissen landen. Zu lange haben wir zugelassen, dass unser System von Vorurteilen zerfressen ist.” Ty kennt diese Rede, hat sie sich im Fernsehen angesehen und war stolz auf diesen Präsidenten, der bald ans Ende seiner Amtszeit gelangt. Sie trifft nun an einer Tankstelle ein. Hier arbeitet sie. Packt Sandwiches ab und kocht Kaffee auf, für neun Dollar die Stunde.

“Kinder, die in diesen acht Jahren, in denen ich im Amt gewesen sein werde, zur Schule gingen, wuchsen anders auf. Sie werden eine andere Sicht auf die Rassenbeziehungen bekommen haben und von dem, was möglich ist”, hatte Obama gesagt. Und selbst, wenn es nur deswegen war, dass sie diesen schwarzen Mann, ihren Präsidenten, jeden Abend im Fernsehen sahen. Ty lacht, selbst am Ende einer langen Schicht. “Ja, und wenn nur das bleibt, ist es mehr als genug.”

Du bist 20, weiblich und schwarz. Du weißt, dass es erst der Anfang ist. Du hast diesen Traum und du lässt ihn dir nicht nehmen.

Erschienen in NEWS 32/2015

Das Video zur Reportage aus den USA