Deutschland im Herbst

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Pegida-Demo in Dresden (Foto: Ricardo Herrgott)

Schaffen die Deutschen das? Eine Reise durch ein Land, das eine Million Flüchtlinge aufnehmen will. Und in dem keiner mehr weiß, wie dieses Experiment endet. Der Widerstand wächst und mit ihm die Gräben und der Hass

Angst. Davor, seine Meinung zu sagen. Fotografiert zu werden. Sich so in der Zeitung oder auf Facebook wiederzufinden und ungeahnte Konsequenzen davontragen zu müssen. Angst ist das, was in diesen Tagen auf einer Reise durch Deutschland spürbar wird. Ja, Deutschland, nicht Syrien. Im Sommer gefiel sich das Land noch in seinem Willkommensmärchen, sandte Bilder von Bahnhöfen voll Beifall klatschender, Flüchtlinge willkommen heißender Menschen um die Welt. Nun klatschen nur noch die Bierflaschen – gegen Busse, in denen Asylwerber sitzen. Es ist Herbst geworden in Deutschland. Und einsam um Angela Merkel.

Die Stadt Dresden gleicht einer Perle an der Elbe. Auferstanden aus Ruinen, wie es in der DDR-Hymne hieß. Erst nach der Wende mit West-Milliarden wieder zum Glänzen gebracht. Auf den Tag genau 26 Jahre nach dem Fall der Mauer, wird der Platz vor der Semperoper zum unangenehmsten Ort Deutschlands – zumindest für den, der sich als Journalist zu erkennen gibt. Es ist Montag und damit Pegida-Tag. Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, dafür steht die Abkürzung. Und solche Europäer versammeln sich zu Tausenden hier und das seit über einem Jahr. Deutsche Medien haben ihr Urteil über sie längst gefällt: eine obskure Ansammlung aus Zukurzgekommenen,  Verlierer und Ewiggestrige. „Lügenpresse! Auf die Fresse“, lautet der Schlachtruf aus der entgegengesetzten Richtung. Ein Fotograf erzählt, zuletzt „ordentlich aufs Maul bekommen“ zu haben, als er versuchte, einen der Spaziergänger für den Erhalt des Abendlandes mit der Kamera ins Visier zu nehmen.

Unerkannt unter Unzufriedenen

Also abtauchen, sich unerkannt einreihen in den Zug der Unzufriedenen. Mitmarschieren zwischen Fahnen. Da ist die von Israel, dort eine Russlands, auf einer prangt Putins Konterfei, auf einer anderen Kanzlerin Merkel, wahlweise in SS-Uniform oder in eine Burka gehüllt. Und das, ist das die norwegische? „Nein“, herrscht einen ein älterer Herr an, „das ist die Stauffenberg-Fahne! Die Fahne des deutschen Widerstands.“

In einem solchen sehen sich die, die hier sind. Keiner hat sie gefragt, ob ihr Land allein dieses Jahr eine Million Flüchtlinge aufnehmen soll. In den Zeitungen lesen sie bloß, dass Deutschland nun bunter würde, vielfältiger, anders. Ob sie wollen oder nicht. Was sie nicht zu lesen bekommen, ist ihnen aber noch viel wichtiger. Und das bestimmende Thema während des abendlichen Marsches durch die Stadt. Es sind „all die Einbrüche, die Raubzüge, die Vergewaltigungen.“ Begangen von den Ankommenden. Verschwiegen von den Medien. „Die sind doch alle gekauft, fremdbestimmt von Amerika“, raunt ein Bursch seinem Freund zu. Der nickt wissend, faselt etwas von der „Finanzlobby, die entscheidet, was wir zu lesen kriegen.“ „Man müsste einen Sender stürmen“, schlägt der andere nun vor, „dann könnten wir die Wahrheit unters Volk bringen.“  Die beiden sind Studenten, wie aus dem weiteren Verlauf ihres Gesprächs klar wird, das wild zwischen Fremdverschwörung und Selbstvergewisserung hin- und herpendelt.

Wir sind die Sehenden, die letzten Patrioten, die, die sich dem nahenden Untergang entgegenstemmen. So lautet der Tenor der Gesprächsfetzen, die sich aufschnappen lassen, während der Zug der Zehntausend um den Ring zieht. „Eine gesteuerte Diktatur“ sei das, ist zu hören. „Ich zahl denen keine Steuern mehr“, sagt ein Unternehmer, „und bunkere das Geld auf einem Sperrkonto bis die Merkels weg sind.“

Radikaler seien sie geworden, haben Soziologen festgestellt, in diesem einen Jahr ihres Bestehens. Die Furcht vor dem Verlust nationaler Identität treibe sie hierher. Doch wer in ihnen nur eine Ansammlung Ewiggestriger sieht, macht es sich zu einfach. Denn nach einer Stunde Marschierens, ließen sich auch genug Gespräche hören, die Menschen führen, wenn sie einfach ein mulmiges Gefühl beschleicht bei dem, was in ihrem Land vor sich geht. „Jetzt schreibt selbst der Spiegel schon, dass die Merkel die Kontrolle verloren hat“, sagt eine Frau, die einen Kinderwagen vor sich herschiebt, zu einer Freundin. „Die wissen doch alle längst nicht mehr, was sie tun“, antwortet diese und drückt aus, was in all den Wehklagen wegen Pegida unterzugehen droht: die Angst, zu Zeugen einer Zäsur zu werden, in der die Flüchtlinge bloß als Boten noch weit tiefgreifenderer Veränderungen dienen.

Angela Merkel stand in den zehn Jahren ihrer Kanzlerschaft für das genaue Gegenteil. Deutschland ging es gut, hatte noch nie so wenig Arbeitslose, eine boomende Wirtschaft und eine Frau an der Spitze, die bekannt dafür war, jede noch so kleine Entscheidung sorgfältig abzuwägen, Großes auszusitzen und den Stürmen der Zeit, etwa in der Euro-Krise, in Brüsseler Nächten bis zum Anbruch des Morgens zu trotzen. Und dann sagt diese Frau, dass es „nicht in unserer Macht liegt, wie viele Menschen noch nach Deutschland kommen werden.“

Schuld, Scham und Schein

Ein paar hundert Meter die Elbe aufwärts, am Hasenberg, bereitet das kaum einem Sorge. Eher das Bild, das ihre Stadt in dieser Nacht in die Welt hinausschickt. Tausende haben sich auch hier, fern von Pegida, bei der neuen Synagoge versammelt, um ein Zeichen zu setzen. Unter dem Motto „Herz statt Hetze“ stehen die meist jungen Menschen für das andere Dresden. Gerade an diesem 9. November, 77 Jahre nach der Reichspogromnacht. Zur selben Zeit ertönt von der Pegida-Bühne auf jenem Platz, der einst nach Adolf Hitler benannt war, die Forderung, den „deutschen Schuldkomplex offiziell zu beenden.“

Schweigen. Bis Musik aus den Boxen dringt. Getanzt wird und Flüchtlingsaktivisten fröhlich „Refugees welcome“-Schilder schwenken. Die Bereitschaft, ins Gespräch zu kommen, hält sich aber auch hier in Grenzen. Es ist die Rede von „Nazis, die Jagd auf uns machen“, Fotos, die auf Facebook gepostet werden. Tatsächlich kommt es in Folge der Pegida-Demos seit Wochen zu Gewalt auf beiden Seiten, Angriffen auf Polizisten und Fällen, wo Demonstranten einander auf dem Heimweg abpassen. „Es ist ziemlich extrem geworden“, sagt Uli, eine 16-jährige Schülerin. „Viele von uns hier halten alle dort drüben für Nazis und die uns für linke Chaoten.“ Mit Flüchtlingen habe sie hingegen nur gute Erfahrungen gemacht. Sie hilft ihnen als Freiwillige beim Deutschlernen und „empfinde das, auch wenn es unglaublich kitschig klingt, als bereichernd. Ich bin, selbst wenn das noch kitschiger klingt, ergriffen von deren Dankbarkeit.“ Im Unterschied zu vielen der hier Versammelten, sagen aber selbst Uli und ihre Freundin Lena, „dass Deutschland nicht alle aufnehmen kann und sich auch andere Länder solidarisch zeigen müssen.“

Allmählich wird dem Land klar, vor welchen Herausforderungen es steht. Und wie hoch die Kosten ausfallen. Die Zahlen des Sommers erweisen sich als das, was Kritiker schon damals ahnten: Beruhigungspillen. Das Münchner Ifo-Institut geht nun von 21 Milliarden Euro aus, die die Unterbringung, Versorgung und Verwaltung der Flüchtlinge allein im heurigen Jahr kosten würde. Auch das herbeigesehnte neue Wirtschaftswunder muss der nüchternen Wirklichkeit weichen, wonach  das Gros der Asylwerber nur schlecht ausgebildet und auf dem Arbeitsmarkt maximal als Hilfsarbeiter einsetzbar sei.

Wohin mit allen?

Dennoch überqueren Tag für Tag bis zu 10.000 weiterer Flüchtlinge die Grenze von Österreich nach Deutschland. Von Bayern aus werden sie, gemäß eines Prozentschlüssels, der – dank deutscher Gründlichkeit – fünf Stellen nach dem Komma aufweist, auf die Bundesländer verteilt. Und dort herrscht Panik. Sachsen etwa, zur Aufnahme von 5,10067 Prozent verpflichtet, hat Sporthallen okkupiert, Lagerhallen umgerüstet, Schulen geräumt und Bürger angefleht, Wohnungen gegen gute Miete bereitzustellen. Es reicht dennoch nicht.

Und so bekommt nun erstmals das Bürgertum zu spüren, was es heißt, im Zielland Nummer 1 der großen Flucht zu leben. Laubegast ist ein nobler Vorort Dresdens. Weiße Villen reihen sich aneinander. Im Gelb der Straßenlaternen und im Dunkel der Nacht treffen nach und nach Menschen zusammen. Sie tuscheln, geben sich verschwiegen und werden vom Hauch des Verbotenen umhüllt. Einer nach dem anderen platziert eine Kerze auf den Stiegen zum Eingang des verwaisten „Hotel Prinz Eugen“. Dann setzt sich ein Tross aus vielleicht 50 Menschen schweigend in Bewegung. Zieht über die Hauptstraße des Viertels einmal um den Block. „Das ist ja fast wie 1989, als der Protest gegen das Regime begann“, scherzt eine Blonde in schwarzer Daunenjacke und wird kurz darauf ernst. „Die Stadt hat das Hotel für über drei Millionen Euro gekauft. Nun wollen sie dort Asylwerber unterbringen. Über 100 und lauter junge Männer. Erfahren haben wir es aus der Zeitung, denn informiert hat uns keiner.“ Also protestieren sie: still, schweigend, unangemeldet. Auch aus Angst vor Nachteilen, sollten Bekannte oder Kollegen von ihrem Engagement erfahren. „Aktivisten versuchen uns im Netz als Nazis bloßzustellen. Mit der Faschismuskeule kannst du in Deutschland Existenzen vernichten“, sagt die Blonde, die eine gutbezahlte Stelle hat. Abend für Abend gehen sie und ihre wohlsituierten Nachbarn nun auf die Straße. „Gelegentlich schließen sich uns auch ein paar starke Jungs an. Die sind wohl rechts, wir haben sie nicht eingeladen, sind aber froh. Sie könnten uns zumindest schützen, falls uns die No Border-Typen auflauern.“  

Brandredner und Brandstifter

Deutschlands Rechte hat gerade im Osten des Landes erkannt, dass sich aus all der Angst Gewinn schlagen lässt. Fast täglich finden Aufmärsche von Neonazis statt. Wie am Wochenende in der Stadt Bautzen, wo Redner auf „Invasoren und Parasiten“ hetzten. Aus Brandrednern werden leicht Brandstifter. Seit Beginn des Jahres gab es in Deutschland bereits 689 Angriffe auf Asylunterkünfte. Jede Woche ging im Schnitt ein anderes Heim in Flammen auf.

Was real wirkt, setzt sich virtuell fort. In den sozialen Medien verbreiten Rechte unsoziale Nachrichten. Von dort stammen viele der Gerüchte, wonach die Verbrechen stiegen und Frauen zunehmend Opfer von Vergewaltigungen durch Asylwerber würden. Es fällt schwer, dies rasch zu entkräften. Selbst dort, wo die Polizei in die Offensive geht und die meist erfundenen Fälle dementiert, wird das Lügenspiel auf die Spitze getrieben, indem die Rechten den Behörden bewusste Vertuschung vorwerfen. Das Klima ist vergiftet, der Argwohn groß. So groß, dass 48 Bürgermeister Sachsens einen offenen Brief an Kanzlerin Merkel schrieben.

Sie, die sich darin selbst als „Seismografen im Herzen der Gesellschaft bezeichnen“, halten fest, dass „wir mit zunehmender Besorgnis sehen, wie die Abkehr vom sozialen Frieden, von der inneren Sicherheit und den menschlichen Werten unser Land gefährdet und spaltet. Die auf uns hereinbrechende Flüchtlingswelle führe in zunehmender Weise auch bei Menschen, die aus ihrer humanitären Überzeugung den Betroffenen gegenüber offen sind, zur Verärgerung und auch zum inneren Widerstand bis hin zur Ablehnung der praktizierten Flüchtlingspolitik.“

Und wie geht es nun diesen „Betroffenen“, den Flüchtlingen? Ihnen, die am Ziel ihrer Träume angelangt sind? Dem „Germany“, für das sie tausende Kilometer zurücklegten, ein Meer überquerten, ihr Leben riskierten und Schlepper reich machten? Es fällt schwer, sich ihnen zu nähern. Viele der Unterkünfte sind abgeriegelt, mit Sichtschutz versehen, von dem unklar ist, wessen Blicke er abhalten soll. Erst vor einem aufgelassenen Hotel, das nun als Herberge dient, gelingt ein Gespräch. Sam und seine Freunde hocken herum und schlagen Zeit tot. Er stammt aus dem Irak, ist 30 und froh, in Deutschland in Sicherheit zu sein. Aber schon nach einer Weile macht sich seine Enttäuschung breit. „Frau Merkel hat uns doch eingeladen, Jobs und Häuser versprochen“, sagt er, „jeder weiß das, sie zeigten es im Internet und im Fernsehen. Und nun sitzen wir hier im Nichts? Warum brechen die Deutschen ihr Versprechen? Viele von uns haben sich verschuldet, um herzukommen. Manche extra ihre Pläne, in andere Länder zu gehen, wegen Deutschland geändert.“ Sam ist ratlos. Was ist da falsch gelaufen, seit der Sommer irgendwann dem Herbst wich?

Erschienen in News 46/2015

Das VIDEO zur Reportage aus Deutschland