Necla Kelek: „Der Islam verlangt Unterwerfung“

Die Deutschtürkin Necla Kelek ist als Islamkritikerin von der Gewalt in Köln nicht überrascht. Sie sieht im Islam weit mehr als eine Religion und warnt vor falsch verstandener Toleranz

In Köln soll es Silvester zu massiven Übergriffen von mutmaßlich nordafrikanisch-arabischen Männern auf Dutzende Frauen gekommen sein. Wie erklären Sie sich diese Fälle sexualisierter Gewalt?

Diese Männer wollen anscheinend bewusst und kriminell die Freiheit der Frau, in der Öffentlichkeit zu feiern oder zu reisen, ausnutzen. Sie fühlen sich kollektiv  moralisch legitimiert, sie zu attackieren und auszurauben. Dass die Politik schockiert ist, wundert mich. Die Kulturdifferenz wird schlicht geleugnet. Deshalb gibt es auch keine tragfähigen Konzepte, wie auf diese Probleme reagiert werden könnte. Nur mit dem  Ruf nach Rechtsstaat und Gesetzen können keine nachhaltigen Entscheidungen getroffen werden.

Sexualität und das Selbstbestimmungsrecht der Frau werden im arabischen Raum ganz anders verstanden als in Europa. Wie kann es da gelingen, unsere Vorstellungen durchzusetzen?

Nur die Einwanderer, die das Prinzip der Gleichheit von Mann und Frau und ein friedliches Miteinander, mit oder ohne Alkohol und was alles zum Feiern in der Öffentlichkeit dazu gehört, respektieren und akzeptieren,  können Unterstützung und Hilfe bekommen. Wer Probleme damit hat und schamlos die Freiheit des anderen bedroht,  ist im falschen Land.   

Sie sind eine der prominentesten Islamkritikerinnen. Woher rührt generell Ihr Unwohlsein?

Der Islam ist eine Weltanschauung und ein Herrschaftssystem, das sich als Religion präsentiert und von seinen Gläubigen Unterwerfung verlangt. Der Islam kennt keine Individualität, keine persönliche Entfaltung. Das Menschenbild des Islam ist daher inkompatibel mit der Moderne. Der Islam ist nicht bloß Glaube, nicht nur Religion, es ist ein Gesellschaftssystem, das den Alltag genauso prägt wie die Politik und das ist gefährlich.

In einem Ihrer Bücher schreiben Sie, der Islam sei „als Religion gescheitert.“ Ist Ihnen das nicht zu verallgemeinernd?

Ganz im Gegenteil. Eine Religion sollte etwas Individuelles sein, eine Art der Sinnsuche, persönlich und intim. Der Islam hingegen hat einen Allmachtsanspruch. Überall dort, wo er auch politisch an die Macht gelangt, ist das in Form einer Diktatur, eines Unrechtsstaates, der all dem, was wir als freie Gesellschaft bezeichnen, widerspricht. Und gerade daraus speisen sich nun Kriege in diesen Ländern, die zu der großen Fluchtbewegung führen.

Wie werden sich Österreich und Deutschland durch diese Flucht, die ja mehrheitlich muslimisch ist, verändern?

Allein dadurch, dass Sie sagen, dass die Flüchtlinge in der Mehrheit Muslime sind, machen Sie schon einen wichtigen Unterschied, der in der Debatte meist ausgespart wird. Es ist, wohl aus politischer Korrektheit, verpönt zu sagen, dass großteils Muslime kommen und damit beginnen die Probleme.

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Weshalb?

Ich kenne die Strukturen sehr gut, aus denen die Flüchtlinge stammen. Das ist etwa Syrien, Afghanistan, Pakistan oder Eritrea. Allesamt Diktaturen, die auf Stammes- und Clangesellschaften beruhen. Gerade daher mache ich mir besonders Sorgen um die Frauen unter den Flüchtlingen. Denn ihre Männer, die als Patriarchen herrschen, weil sie der Islam darin legitimiert, werden das nicht ablegen, nur weil sie plötzlich in Europa sind. Vielmehr wird folgendes geschehen: viele der Männer werden ihre Frauen einsperren, sich miteinander draußen auf den Straßen und Plätzen treffen und schließlich die Moscheen für sich entdecken. Und gerade dort wird ihnen von den islamischen Verbänden in unseren Ländern gesagt werden, dass sie ruhig so weiterleben können wie bisher. Die islamischen Verbände sind keine Kräfte der Aufklärung, des Wandels und der Integration, sondern reaktionär.

Wie könnte der Staat dies verhindern und Frauen helfen?

Derzeit ist das Gros der Flüchtlinge Männer. Sie sind es, die Asylanträge stellen und ihre Frauen nachholen. Die Frauen sind damit vom ersten Tag auch rechtlich an die Männer gebunden. Unsere Gesetze vergrößern also paradoxerweise deren Abhängigkeit. Die einzige Lösung wäre, die Situation umzudrehen, also die Frauen zu Trägerinnen des Asylrechts für eine Familie zu machen.

Viele Flüchtlinge werden doch froh sein, genau diesen Diktaturen zu entkommen, diese Art der religiösen Fremdbestimmung abzulegen. Glauben Sie nicht, dass jene überwiegen, die die Chance ergreifen zu einem neuen Leben in einer liberalen Gesellschaft?

Wie soll das gehen? Ich komme hierher, bin muslimisch sozialisiert. Alles, was ich weiß, ist, dass der Mann über der Frau steht, er zu all ihrem Handeln erst seine Zustimmung erteilt. Die Frau hat sich zu verhüllen, ihr zukünftiger Mann wurde von der Familie ausgewählt, ihr Entfaltungsraum beschränkt sich auf den Haushalt. Wie sollen sich Menschen, die über Generationen und Jahrzehnte so aufgewachsen sind, plötzlich aus all dem lösen? Klar, die Chance ist da. Ganz wenige werden sie auch nützen. Die meisten aber werden in diesem System der Abhängigkeit gefangen bleiben. Es ist für mich kaum zu ertragen, wie wir weggucken, nicht wahrhaben wollen, dass Millionen muslimischer Frauen auch bei uns unter der Diktatur ihrer Männer leben.

Was wären drei konkrete Schritte, das zu verändern?

Wir brauchen eigene Kurse für die Frauen der Flüchtlinge, die sie über ihre Rechte aufklären, die ihnen sagen, dass sie hier bei uns nicht schutz- und rechtlos sind. Zweitens: verpflichtende Sprachkurse für Frauen, die es ihnen ermöglichen, unabhängiger zu werden. Und drittens, Schutzräume für Frauen, schon in den Flüchtlingsunterkünften, aber auch später in den Städten. Orte, an denen sie sicher sein können.

Gibt es nicht Grund zu glauben, dass wir aus den Fehlern bisheriger Integration gelernt haben und das nun besser hinkriegen?

Grund gäbe es, doch ich sehe weit und breit nichts davon. Die Grundentscheidung muss lauten: wollen wir echte Integration oder, so wie bisher, das Nebeneinander von Kulturen, auch um den Preis, dass in diesen Kulturen Unfreiheit herrscht, Frauen diskriminiert werden. Wenn wir nicht wollen, dass sich die Kluft zwischen einer freien Gesellschaft und Parallelwelten vergrößert, müssten wir handeln. Also etwa nicht nur Sprachkurse anbieten, sondern auch Aufklärungskurse. Es ist viel die Rede von den Rechten der Flüchtlingen, aber nie von deren Pflichten.

Was wäre die wichtigste?

Zu erkennen, dass wir ein säkularer Staat sind, in dem Religion Privatsache ist. Doch uns fehlt die Stärke, darauf zu pochen. Wir selbst sind es, die zulassen, dass Parallelwelten wachsen.

Inwiefern?

Indem wir etwa tolerieren, dass die islamischen Verbände einen Alleinvertretungsanspruch über alle Muslime erheben und wir ihnen noch Finanzmittel zukommen lassen und sie so stärken und mächtiger machen.

Betrachtet man Bilder aus Kabul oder Bagdad in den 60er-Jahren, sieht man Frauen in Kostümen, kaum Vollverschleierte. Warum hat sichd das ins Gegenteil verkehrt?

Als meine Eltern 1946 aus Anatolien in Istanbul ankamen, trug meine Mutter dieses typische Kopftuch. Der Schleier war ja schon, dank Atatürk, verboten. Die beiden stiegen aus dem Bus aus und mein Vater sagte zu Mutter: Nimm das schnell ab, sieh’ dich nur um, hier trägt keine einzige Frau Kopftuch. Sie tat ihres rasch in die Tasche und trug es von da an nie mehr. Es war für sie so wichtig, das Recht zu haben, ihre Haare zu zeigen, auch in der Öffentlichkeit rauchen zu können. Mein Vater hat etwa zur Fastenzeit, dem Ramadan, bewusst Wein getrunken. Er hat zu uns Kindern gesagt, der Republik verdanke ich es, das tun zu dürfen: Wer fasten will, soll fasten, wer trinken will, trinken. Das war die Atmosphäre in der städtischen Türkei und in arabischen Hauptstädten der 50er-Jahre und später. Aber das ist getilgt oder am Verschwinden, weil diese Gesellschaften zu schwach waren, sich den Religiösen entgegenzustellen.

Kritiker wenden ein, es existiere nur EIN Islam, dessen Geboten zu folgen ist. Kann es daher einen aufgeklärten „Euro-Islam” überhaupt geben?

Euro-Islam bedeutet für mich, dass der Koran nicht als Offenbarung des Propheten zu sehen ist, sondern als Buch, das nach seinem Tod von Menschen verfasst wurde. Das heißt, ich darf es interpretieren, in seine Zeit setzen und es in der Erkenntnis unserer Zeit anpassen. Ich halte mich da an Nietzsche, der sagt: Wer Gott nicht verlassen darf, kann nicht zu ihm finden.

Wo sind muslimische Stimmen, die genau dies fordern?

Es gibt sie und sie werden mehr. Denken Sie nur an Ednan Aslan an der Uni Wien (er ist der Autor jener vieldiskutierten Studie zu islamischen Kindergärten in Wien, die im Dezember für Aufruhr sorgte – Anm. der Redaktion). Er fordert dazu auf, jene Stellen im Koran zu benennen, die zu Gewalt aufrufen. Tun wir das nicht, wird es immer Islamisten geben, die sich darauf berufen. Und genau solche Stimmen müssen wir unterstützen und stärken.

Sie sind eine dieser Stimmen. Was brachte Ihr Engagement bisher?

Das Wissen um die Abgründe dieser Religion ist größer, die Sensibilität höher. Früher ahnten wir nicht einmal, dass es in Familien zu Zwangsverheiratungen kommt, heute sind sie verboten und werden gerichtlich verfolgt. Auch Salafisten, die den politischen Islam betreiben, stehen unter Überwachung der Verfassungsschützer, während früher nicht einmal klar war, was ein Salafist ist. Das heißt: das Wissen ist größer, aber leider auch die Neigung vieler, das alles als „kulturelle Besonderheit” abzutun und unter dem Vorwand des Multikulturalismus gar nicht so genau in die Abgründe der Parallelgesellschaft blicken zu wollen.

Schaffen wir das also?

Wir schaffen es nur, wenn der Islam zu einem Glauben wie jeder andere wird. Wenn wir all jene unterstützen, die den Islam nicht länger als Gesellschaftssystem betrachten, sondern als ganz normale Religion, die sich unserer liberalen Gesellschaft unterzuordnen hat.

Erschienen in NEWS 01/2016