Der Schlepper und das Mädchen

Bildschirmfoto 2016-02-15 um 22.11.29Die junge Syrerin Rawan und der Schlepperkönig in Izmir (Foto: Ricardo Herrgott)

Er schleuste Zehntausende nach Europa. Sie wäre eine davon gewesen, bevor alles anders kam. Ihre Geschichte spielt in der Türkei. An einem Ort, an dem die Mafia Milliarden macht und Europa auf ein Ende der Flüchtlingskrise hofft

Von ausgesprochener Hässlichkeit ist der Ort, an dem sich Millionen von Euro verdienen lassen. Rawan, die junge Frau mit dem langen, schwarzen Haar, hasst alles an ihm. Die kleinen Kaschemmen, die miefigen Wechselstuben, die Läden, die einst Kleidung verkauften und nun lieber gefälschte Schwimmwesten anpreisen. Sobald es dämmert, tummeln sich fast nur noch Männer entlang einer lauten, vierspurigen Straße.

In Gruppen hocken sie um die Resopaltische der Teestuben, verhandeln unter den Neonröhren kleiner Cafés oder lehnen lässig vor den Eingängen zu heruntergekommenen Absteigen. Rawan weiß, dass es Anwerber sind. Kriminelle auf der untersten Stufe der Mafia. Sie kennt ihre Bewegungen, die ewiggleichen Muster. Sie tippen starr in ihre neuen Smartphones, ohne dadurch abgelenkt zu sein. Taxieren wie Luchse aus den Augenwinkeln heraus jeden Vorbeikommenden. Und wissen ganz genau, nach wem sie Ausschau zu halten haben. Es sind die Unsicheren, die Verlorenen, die dem Krieg Entflohenen, die als Kundschaft in Frage kommen. Ausgespuckt von der Welt, mit Bussen von der Grenze zu Syrien oder dem Irak hierher gekarrt. Familien mit Kindern, die letzten Habseligkeiten in schwarzen Müllsäcken verstaut, zählen gleichermaßen dazu wie junge Burschen, denen die Fremdheit ins Gesicht geschrieben scheint.

In der Hauptstadt der Schlepper

Es war Sommer, als Rawan mit ihrer älteren Schwester hier selbst herumirrte. Zwei Syrerinnen, dem Krieg entkommen, mit dem Traum von Europa im Gepäck. In Basmane, einem Viertel verrufen als schmutziger Hinterhof der liberalen Millionenstadt Izmir an der Westküste der Türkei, sollte ihre Reise beginnen. Einst wegen Drogen und Prostitution verschrien, ist aus den Straßen rund um den Bahnhof ein Umschlagplatz menschlicher Hoffnung und Verzweiflung zugleich geworden. Basmane, das ist das fehlende Puzzleteil der größten Krise unserer Zeit. Ein Ort der Ankunft und des Aufbruchs, der Abgründe und der Absurdität.

Die Zukunft Europas, der Fortbestand einer EU, wie wir sie kennen, die Frage, ob Grenzzäune wachsen oder Angela Merkel und Werner Faymann wegen Versagens abgewählt werden – all das entscheidet sich nicht etwa in Brüssel, Spielfeld oder am Walserberg, sondern genau hier. In Basmane, der Hauptstadt der Schlepper. Jenem Platz, an dem die Fahrten auf die nahe gelegenen griechischen Inseln vorbereitet werden, von wo aus die Karawane einer modernen Völkerwanderung weiter gen Norden zieht. Nur hier ließe sich der Tross noch aufhalten.

Bisher geschah das Gegenteil. 853.650 Migranten haben 2015 Griechenland von der Türkei aus über das Meer erreicht. Selbst jetzt, inmitten der Winterstürme in der Ägäis, legen Tag für Tag überfüllte Schlauchboote ab. Allein seit Neujahr übersteigt deren Zahl mit 35.455 Menschen die des gesamten Jänners des Vorjahres um das 21-fache (der Artikel erschien in der dritten Jänner-Woche – Anm.). In den ersten beiden Wochen des Jahres sind bereits 77 Menschen ertrunken. Ändert sich nichts, ist klar, dass sich eine Katastrophe anbahnt, die die Dimensionen von 2015 noch um ein Vielfaches übersteigen wird. Das wäre wohl das Ende des Projekts Europa. Gescheitert an der Flüchtlingskrise.

Wie also den Tross stoppen, das Geschäft der Schlepper unterbinden und die Boote am Ablegen hindern? Ist es sinnvoll, dem türkischen Präsidenten Erdogan drei Milliarden Euro zu versprechen, damit er quasi vollbringt, woran die EU scheitert? Oder ist es verlogen, den Autokraten aus Ankara zum Türsteher Europas aufzuwerten, weil man selbst die bösen Bilder der Abwehr allzu sehr scheut? Die Antworten auf diese Fragen werden in den verwinkelten Gassen Basmanes, an den schroffen Küsten zu Griechenlands Inseln und am opulent gedeckten Tisch eines Schlepperkönigs zu finden sein.

Damals, im Sommer, als Rawan und ihre Schwester herkamen, herrschte in Basmane Hochsaison. Jede Pension war voll belegt, Flüchtlinge schliefen auf den Straßen und die Schlepper hatten alle Hände voll zu tun, noch mehr Boote für die Überfahrten aufzutreiben. Dass all das illegal ist, rührte keinen, es galt ja, unter Duldung durch Polizei und Behörden, Millionen zu machen.

Im Netz der Mafia

Doch schon damals sanken Boote, starben Menschen. Rawan war besorgt, fürchtete um ihr Leben und das ihrer noch weit ängstlicheren Schwester. „Ich wollte nicht ins erstbeste Boot hüpfen und untergehen. Oder einem der Betrüger auf den Leim gehen, der all dein Geld nimmt und damit verschwindet.” Also suchte sie einen Schlepper, dem sie vertrauen konnte. Traf Dutzende und erhielt so Einblick ins Innerste der Mafia. „Die herumlungernden Typen da draußen sind kleine Fische, Anwerber, meist selbst Flüchtlinge, die hängengeblieben sind und nun auf Kommission Landsleute für die Überfahrten keilen.”

Rawan durchschaute schnell das Spiel, das in Basmane jeden Tag aufs Neue zur Aufführung gelangt. „Die Hierarchie gleicht fast der einer Firma: Über den Anwerbern stehen quasi die Abteilungsleiter. Einer für die Syrer, der andere für Leute aus dem Irak oder dem Maghreb. Die haben wiederum Chefs, die mit der türkischen Mafia gemeinsam die Flüchtlinge zu den Ablegestellen bringen, Schlauchboote bereitstellen und sie aufs Meer schaffen.”

Es gilt auszuharren, meint Rawan, dann ließe sich vielleicht einer der Bosse der Bosse treffen. Zuvor müsse der aber noch erfolgreich eine Überfahrt abwickeln.

Dabei überfordert Basmane schon jetzt. Auf der einen Seite die unerträgliche Gier derer, die im vergangenen Jahr zusammen eine geschätzte Milliarde Euro verdient haben dürften und nun nach noch mehr lechzen. Und auf der anderen Seite all das Leid, auf dem der neue Reichtum beruht. Voll der Angst vor der Überfahrt sitzen die Flüchtlinge in den Dönerbuden Basmanes und malen sich ein Europa aus, das ein Zerrbild der Wirklichkeit ist. Doch was sagt man einer Familie mit Baby im Arm, hinter der gerade eine Woche liegt, die sie brauchte, um überhaupt aus Syrien rauszukommen? Die Dutzende Checkpoints überquerte und an jedem hätte erschossen werden können.

Bares ist die einzige Währung des Krieges, erzählen sie. Sie lässt die Schranken hochgehen, ganz gleich, ob beim Regime oder dem IS. Um an Geld zu gelangen, wird zuvor alles verkauft, was noch Wert hat. Das eigene Haus etwa um 7.000 Dollar an Händler des Krieges. Sie warten monatelang – solange bis der Verkäufer verzweifelt genug ist, um dem Handel zu einem Bruchteil des Wertes zuzustimmen.

Nun ein neues Leben in der Türkei zu beginnen, erscheint den Familien nicht einmal eine Erwägung wert. „Nichts hält uns hier”, sagt ein Vater trotzig, „wir sprechen kein Türkisch, fänden nie Arbeit und auch der Staat zahlt uns kein Geld, bis wir auf eigenen Beinen stünden.” Dass Europa, angesichts der großen Zahl der Ankommenden, selbst an seine Grenzen gelangt ist, haben sie zwar gehört, scheint sie aber nicht weiter zu beunruhigen. Noch immer nehmen etliche das Gerücht für bare Münze, dass sie in Deutschland nach ihrer Ankunft Häuser und Autos erhielten.

Bei der türkischen Polizei

Abends huschen sie dann über die Gehsteige, warten in Gruppen in Parks, von wo sie die Schlepper in Lastwägen an die Küste karren. Die schiere Zahl derer, die von Izmir aus aufbrechen, entlarvt das Leugnen der türkischen Behörden, von all dem nichts mitbekommen zu haben, als Lüge.

Bildschirmfoto 2016-02-15 um 23.07.01Im Ort Cesme, von wo die griechische Insel Chios gerade einen Steinwurf entfernt scheint, hat die Polizei nach Monaten gehandelt. Eine nie fertiggestellte Feriensiedlung direkt am Meer diente den Flüchtlingen als Quartier vor der Überfahrt. Abertausende dürften dort ihre letzte Nacht auf türkischem Boden verbracht haben. Nun ist es gespenstisch leer. In den Häusern deutet alles auf einen überstürzten Aufbruch hin. Hier liegt ein Kinderschuh, dort ein Gaskocher, weiter drüben ein ganzer Fotoband des vormaligen Lebens. Auf einer Decke finden sich hingeworfene Spielkarten, so als sei die Partie nur kurz unterbrochen, aber längst nicht zu Ende gespielt.

Und das ist sie auch nicht, wie die Gendarmen unten im Ort bestätigen. Sie machen den Eindruck motivierter Polizisten, die ihren Job ernst nehmen und doch an ihre Grenzen gelangt sind. Aus Ankara sei die Order gekommen, nach Monaten des Wegschauens, den Schleppern das Handwerk zu legen, sagen sie. Einige hätten sie auch schon verhaftet, bloß am Ende seien es allein in diesem Ort Hunderte, die am Business beteiligt sind. Einer der Polizisten deutet zum Beweis auf seine einbandagierte Hand als Zeugnis eines Kampfes, den sie sich zuletzt mit einer Gruppe lieferten.

Sie sind viel mehr als wir, sagen die Polizisten. Je länger man mit ihnen redet, desto offener zeigen sie auch ihre Verwunderung über Europas Handeln. Was wollt ihr eigentlich, fragt der Kommandant: Zuerst lädt eure Merkel alle ein und nun sollen wir die Eingeladenen für euch aufhalten? Von Flüchtlingen bekämen sie zu hören, dass die Türkei nichts böte, ihnen hingegen Europa als Paradies versprochen wäre. Unter dem Porträt von Staatsgründer Atatürk schütteln die Beamten ihre Köpfe angesichts von so viel Naivität und prophezeien, dass die Zahl der Aufbrechenden weiter steigt, sobald es wärmer und die See ruhiger wird. „Wir sehen jetzt schon kaum noch unsere Familien, stellen die sonstige Polizeiarbeit hintan und trotzdem legen Boote ab. Diese Küste lässt sich nicht abriegeln, dafür sind die Schlepper längst zu mächtig, die Zeit vorbei”, bleibt als letzter Satz hängen.

Tage später, als draußen ein Sturm durch Basmane fegt und Regen an die Scheiben klatscht, ruft Rawan an. Der Schlepperkönig hätte nächtelang wenig geschlafen, Dutzende Boote zur See gebracht, dazwischen Whiskey getrunken, geraucht und den Liedern seiner Lieblingssängerin Warda gelauscht. Nun aber, nachdem er vorsichtshalber das Hotel gewechselt habe, sei er bereit zu einem Gespräch. Ob man nicht gemeinsam Fischessen gehen möge.

Rawans Abschied

Auf ihn, den Schlepper, war im Sommer Rawans Wahl gefallen, nachdem sie etliche getroffen hatte. Im Vergleich erschien er ihr seriös, habe er doch geschätzt 10.000 Leute nach Lesbos oder Chios verschifft, ohne dass einer dabei umgekommen wäre. Als es schließlich so weit war und sie mit ihrer Schwester im Boot saß, verlief dennoch alles anders als geplant. Für das Ablegen, das Schmieren von Polizei und Küstenwache, zeigten sich die Handlanger der türkischen Mafia zuständig. Sie waren es auch, die mit gezückter Pistole die Leute auf die Boote scheuchten und sie schwer überladen zum Ablegen zwangen. Gewinnmaximierung ist scheinbar allen Spielarten des Kapitalismus gemein. Bloß bei Rawan endete es fatal. Das Boot kenterte. Wäre es nicht Sommer gewesen und das Ufer noch nah, hätte sie nicht überlebt. So aber kehrte sie nach Basmane zurück, rief ihren Schlepper an, der ihr anstandslos die 1.400 Euro, die pro Person für die Überfahrt fällig waren, zurückgab.

Abends, als sich das Wetter beruhigt hat, kommt es zum Zusammentreffen. Wir begegnen einem Kingpin, einem König der Schlepper, einem Mann, bei dem die Fäden zusammenlaufen. Er kommt mit seinem Kompagnon, schlägt vor, ein feines Fischrestaurant direkt am Meer aufzusuchen. Auf den ersten Blick zeichnet ihn nichts Außergewöhnliches aus. Seine Kleidung ist leger, sein Umgangston höflich, er durch und durch durchschnittlich. Bloß die Vorstellung, dass dieser Mann, der nun empfiehlt, Sultanfisch zu ordern, geschätzte 1,5 Millionen Euro in einem Jahr verdient hat, lässt einen kurz erschrecken.

Er selbst hingegen betont, sich nicht zu fürchten. Er sei doch bloß einer, der seinen Landsleuten helfe, sie auf den richtigen Weg bringe. „Wenn dein Haus brennt, direkt davor das Meer liegt und du zur Rettung hineinspringst, wer ist dann schuld, wenn du ertrinkst? Doch wohl der, der dein Haus angezündet hat, oder?”

Während sich der Tisch mit immer weiteren horsd’oeuvre füllt, spricht er vom Krieg in seiner Heimat Syrien. „Dort sterben täglich Tausende und ihr in Europa schaut noch immer weg. Aber wenn auf dem Meer einige am Tag ertrinken, macht ihr Sondersendungen.” Er zündet sich eine Zigarette an, isst kaum. „Allah gibt und Allah nimmt – mir etwa meinen Sohn.” Auf dem Handy zeigt er das Foto eines Kämpfers und berichtet von dessen Ableben. Früh habe der sich gegen Machthaber Assad gestellt gehabt, sei gefoltert worden. Er, der Vater, hätte sich zum Austausch angeboten, um den Sohn zu retten. Doch, was er bekam, war nur noch dessen von 80 Kugeln durchsiebten Leichnam.

„Europa ist keine Lösung“

„Acht Monate tat ich nichts anderes als zu weinen”, sagt er, „dann floh ich und begann das hier.” Seine Frau und die anderen Kinder seien als Flüchtlinge in einem europäischen Land angekommen, er selbst hielte ein Papier in Händen, das ihm die Aufnahme dort garantiere, aber noch sei die Zeit dafür nicht reif. „Europa ist keine Lösung”, sagt er überraschenderweise, „die wenigsten unserer Landsleute werden dort glücklich werden.” Er geißelt die arabischen Nachbarn, die weit weniger täten als Merkel, die ihm großzügig und milde erscheint.

Rawan nickt oft, während er spricht. Für sie war nach dem Kentern des Bootes klar, dass sie ihr Schicksal nicht nochmals herausfordern würde. Europa hat sie durch all die Berichte, die sie in der Zwischenzeit gelesen hat, als leeren Traum entlarvt. Sie hofft nun, dass ihr Kanada ein Studienvisum gewährt, sodass sie legal dorthin aufbrechen könne. Und er, ihr Schlepper? Sie sagt von ihm, dass er in dem halben Jahr, das sie einander kennen, unglaublich gealtert sei. Er kaum schlafe, viel trinke, wenig esse. Was glaubt er? Kann der Deal mit Erdogan klappen? Wird die Zahl der Flüchtlinge sinken? Er schmunzelt, so als ob ihn ein dummer Bub nach der Farbe der Sonne gefragt hätte. „Es gibt 160 Stellen, um zu den griechischen Inseln überzusetzen,” lautet die lakonische Antwort. Nach einigem Zögern, setzt er fort: „Es ist gut, dass Flüchtlinge nun in der Türkei legal arbeiten dürfen. Manche werden jetzt wohl bleiben. Aber sonst? Das ist längst außer Kontrolle.” Dann blickt er in Gedanken versunken ins Dunkel der Nacht, hinaus aufs offene Meer.

Erschienen in News 03/2016

Das Video zur Reportage aus der Türkei