Herr der Finsternis

Donald Trump hat fast jede Bevölkerungsgruppe gegen sich aufgebracht. Trotzdem stehen seine Chancen gut, nächster US-Präsident zu werden. Das Psychogramm eines geschickten Gefährders

Es war im tiefsten Winter. Draußen auf den Feldern des US-Bundesstaates Iowa lag noch Schnee und drinnen in einer Turnhalle sagte Donald J. Trump einen der wenigen wahren Sätze seines gesamten Wahlkampfes: „Wisst ihr was, Leute, ich könnte mitten in New York auf der Fifth Avenue jemanden erschießen und würde trotzdem keine einzige Stimme verlieren, es ist verrückt!”

Der Satz sollte zu einer Verheißung werden. Egal, wen er seither auch angriff und beleidigte – und Trump ließ dabei fast keine Gruppe aus – nichts vermochte ihm zu schaden. Wann immer Beobachter glaubten, Trump hätte sich final disqualifiziert, schwächelte er zwar kurz in den Umfragen, schloss dann aber wieder zu Hillary Clinton auf. Gut eine Woche vor dem ersten von drei entscheidenden TV-Duellen ist das Rennen um das Weiße Haus offen. Eine zuletzt kränkliche Clinton, die eine Lungenentzündung medial verschwieg, kann keineswegs auf einen Sieg vertrauen. Der Rest der Welt mag sich fragen, warum so viele Amerikaner auf Trump hereinfallen? Wieso sie ihn nicht als Aufschneider, Schwindler und Hochstapler entlarven? Und weshalb dieser „Teilzeitclown und Vollzeitsoziopath“, wie ihn der Filmemacher Michael Moore nennt, weiter intakte Chancen hat, zum mächtigsten Mann der Welt zu werden?

Die Antwort? Weil die Zeit reif ist für so einen wie Trump.

Um das zu verstehen, ist es nötig, ihn zu begreifen und mit ihm sein Amerika.

Trump, geboren 1946 im New Yorker Stadtteil Queens, wird zum Siegen erzogen. Sein Vater Fred, Besitzer ganzer Blocks von Mietwohnungen, bläut dem Buben ein, keinem zu trauen und immer Stärke zu zeigen. „Sei ein Killer“, wird zum Credo seiner Kindheit. Trump übernimmt das kleine Imperium des Vaters. Er steigt zum Miethai auf, der Bewohner ruchlos aus Häusern ekelt. Da sie nur gedeckelte Mieten zahlen und Trump nach mehr Profit giert, quartiert er ihnen Obdachlose als Nachbarn ein. Tony Schwartz, ein junger Journalist, schreibt in den 1980er-Jahren darüber. Er zeichnet das Bild eines aufstrebenden Unsympathlers, der nach unten tritt und bereit ist, über Leichen zu gehen, um selbst höher hinaufzugelangen. Trump findet sich gut getroffen, er liebt den Artikel. So sehr, dass er Schwartz zu seinem Ghostwriter macht. In den Monaten, in denen er Trump fortan begleitet, erlebt Schwartz einen Egomanen, getrieben von der Sucht nach Anerkennung. Trump interessiert sich für niemanden, aber alle sollen sich für ihn interessieren.

Amerika ist reif für Trump

Das macht Trumps Biographie sehr amerikanisch – nur eben larger than life, überlebensgroß. Das Prahlende und Protzende sind tief in der US-Massenkultur verankert. Trump ist der ungekrönte Kaiser dieser Kultur und damit auch Ausdruck ihres tiefen Falls. Er stürmt die Rankings der Reichen und lebt in den Klatschspalten der Yellow Press. Verwehrt bleibt ihm nur, wonach er am meisten lechzt: die Anerkennung der Eliten; derer, bei denen die Fäden zusammenlaufen. Ihnen gilt er weiter nur als Emporkömmling und Möchtegernmacher. Keiner wird daher später den Unmut gegen sie besser verkörpern als Trump.

Zuvor lernt er, die Massen zu steuern. Als „Richard Lugner Amerikas“ landet er im Reality-TV. In „The Apprentice“ mutiert er als Boss zum übersteigerten Abziehbild seiner selbst. 14 Staffeln lang sucht er den idealen „Lehrling“, so der übersetzte Titel der Show. Trump bereitet es kein Problem, die Kandidaten zu demütigen, nur um sie im nächsten Moment mit etwas Lob gefügig zu machen. Obwohl ohne jegliche schauspielerische Erfahrung, ist es Trump ein Leichtes, in dieser Rolle vollends aufzugehen. Er verführt 20 Millionen Zuschauer dazu, ihn, den Bösen, zu verehren. Sein gebrüllter Satz, „Du bist gefeuert“, mit dem er einen nach dem anderen rauswirft, wird Teil der Populärkultur. Er, der Über-Narziss, ist der perfekte Held einer entpolitisierten Selfie-Gesellschaft. Bald ist Trump am Punkt angelangt, an dem ihm die Superlative ausgehen: Milliardär mit Super-Model-Frau, perfekten Kindern und der erfolgreichsten TV-Show Amerikas sucht neue Herausforderung.

Die Lösung? Präsident werden und sich an jenen rächen, die immer noch nicht kapiert haben, dass er der Größte ist. Oder, wie sein einstiger Ghostwriter Schwartz sagt: „Könnte man als Weltherrscher kandidieren, Trump ließe sich aufstellen.“

Nun ergibt das eine das andere. Ein angezähltes, orientierungsloses und von der Komplexität der Gegenwart überfordertes Amerika trifft auf einen, der davon schwafelt, es wieder groß zu machen. Trump spielt den Politiker noch überzeugender als zuvor den Boss. Die TV-Sender lieben ihn. Er bringt Quote und ihm spart es viel Geld für Werbung. Trump, der Rächer und Retter, der Harte und Starke, der mit der politischen Korrektheit bricht und bereit ist, an niederste Instinkte zu appellieren. Nichts an ihm ist aufgesetzt  und elitär wie bei Clinton. Trump ist immer Trump, unplugged und simpel. Er richtet sich an die, die zu lange ignoriert wurden, deren Sorgen keiner ernst nahm und die nun für Radikales anfällig sind. Ihnen gibt er den Führer fernab demokratischer Standards. Einen, der sich in Putin eher wiedererkennt als in Bush. Und der sich dabei, wie in der Reality-Show, immer weiter von der Wirklichkeit entfernt. Trumps Welt ist eine gefühlte, eine empfundene. Spricht er von steigender Kriminalität, setzt er darauf, dass ein Teil der Amerikaner den Alltag als gefährlicher wahrnimmt. Da mögen Experten noch so oft betonen, dass die Zahl der Gewalttaten seit dem Jahr 1990 um die Hälfte gesunken ist. Egal, was sind schon Experten? In Trumps Welt auch nur Teil der abgehobenen, manipulierenden Elite. Wichtig ist, dass sich die Amerikaner unsicherer fühlen. Ähnlich verhält es sich mit der Arbeitslosigkeit. Die liegt bei fünf Prozent und damit weit unter dem Wert von 2009, als Obama antrat. Aber, who cares? In Trumps Welt steht sie „wahrscheinlich in Wahrheit irgendwo bei 25 Prozent.“ Gefühlt geht es bergab. Immer tiefer, immer schneller.

Es ist ein Bild der Finsternis, das Trump entwirft. Ein düsteres Gemälde eines Amerikas im Abstieg. Überall lauern Gefahren. Draußen, über dem Ozean, der IS, der Iran und die Atombombe, Terroristen getarnt als Flüchtlinge, dazu ein Westen, der nicht mehr wehrhaft, ein Amerika, das schwach ist. Und drinnen, Gewalt auf den Straßen, Aufstände, Arbeitslosigkeit, Ängste vor dem Verlust des Wohlstands, bedroht von Invasoren, korrupten Politikern, einer verschworenen Elite.

„I am your voice“

Die Antwort könnte dem historischen Handbuch des Aufstiegs von Führern entliehen sein. Im Fall Trumps lautet sie: Amerikanismus statt Globalisierung. Eine Nation, groß geworden durch ihre Offenheit gegenüber der Welt, soll sich verschließen. Die Schotten dicht machen, die Zugbrücke hoch fahren, eine Mauer an ihren Grenzen bauen, zur Wagenburg wie einst im Wilden Westen werden.

Die Erkenntnis? Nicht Trump produziert das Chaos, sondern das empfundene Chaos produziert Trump. Eine wütende, meist weiße Wählerschaft, teilt das gezeichnete Bild der Finsternis und glaubt, in ihm den Heilsbringer, die Lichtgestalt, zu erkennen. Ein Trump wäre 2008 noch ohne Chance gewesen, auch nur in die Nähe einer Kandidatur zu gelangen. Aber heute hat ein Teil der Amerikaner die Zuversicht verloren, dass bessere Tage vor ihnen liegen. Nicht ganz zu Unrecht beklagen sie, dass sie zu Abgehängten wurden. Seit dem Crash von 2008 hat sich die Ungleichheit im Land grotesk verschärft. Daraus speist sich die Wut, daraus wächst die Angst. Es gibt dieser Tage genügend gute Gründe, zornig zu sein. Dies, wie Hillary Clinton es tut, zu ignorieren und bloß mit einem positiven Bild zu kontern, wird nicht reichen. Es sind die bisher Stillen, die aufbegehren.

„I am your voice“, ich bin eure Stimme, erklärte Trump daher bei seiner Nominierung. Genau er, der noch nie etwas für jemand anderen getan hat, will das Megafon einer Mehrheit sein. Den ganzen Wahlkampf präsentierte Trump kaum einen zu Ende gedachten Plan, keine Lösung, nicht irgendein Konzept. Trump baut nichts auf, er zertrümmert. Die einst große Republikanische Partei hat er schon gekapert, sie zur Geisel seines Erfolges gemacht. Er ist der perfekte Populist, viel schillernder und schriller als seine europäischen Gegenstücke – und damit auch gefährlicher, weil unberechenbarer. Schon schwadroniert er von einem möglichen Wahlbetrug, der ihm am Ende den Sieg kosten könnte. Und einer seiner Berater spricht von einem „Blutbad“, das dann die Folge wäre. Trump ist ein Feind der Freiheit, der Herr jener Finsternis, aus der er vorgibt Amerika zu führen.

Erschienen in News 37/2016